Überall Schneefall

Hartmut Rosa schließt an sein Resonanzkonzept an
Erschienen in taz. die tageszeitung vom 19.01.2019

Süddeutschland und Österreich versinken gerade in Schneemassen. Für die einen ist es ein großer Spaß, für die anderen bedeutet das Treiben Chaos. Allen gemeinsam ist, dass sie den Schnee nicht kontrollieren können. Mit dem Beispiel der „Unverfügbarkeit“ des Schnees beginnt auch Hartmut Rosas gleichnamiges neues Buch: Schnee kann nicht erzwungen oder verhindert werden, er kommt und geht.

Rosa ist einer der meistdiskutierten Soziologen der Bundesrepublik. Sein aktueller Band schließt direkt an seinen 800-seitigen Bestseller „Resonanz“ aus dem Jahr 2016 an. Wer diese in Teilen etwas langatmige „Soziologie der Weltbeziehung“ gelesen hat, wird im neuen Buch wenig neue Erkenntnisse gewinnen.

Rosa geht von der These aus, dass unser Zeitalter davon geprägt sei, dass wir alles vollständig kontrollieren wollen. Die Dinge sollen wissenschaftlich verfügbar und technisch beherrschbar sein. Wir wollen über die ganze Welt verfügen und ständig unsere Reichweite vergrößern. „Das Weltwissen ist mittels Smartphone und Suchmaschinen in der Hosen- oder Jackentasche verfügbar, wir tragen es stets am Leib“, so Rosa. Doch wird diese Haltung zur Welt am Ende enttäuscht, denn es gelingt nicht, alles verfügbar zu machen. Um im Bild zu bleiben: Es schneit trotzdem.

Gegen diese Enttäuschung setzt Rosa auch im aktuellen Buch die Resonanz als klingende, unberechenbare Beziehung mit einer nicht-verfügbaren Welt. Zur Resonanz komme es, wenn wir uns auf Fremdes und Irritierendes einlassen – seien es Menschen, Dinge oder die Umwelt. Das Ergebnis dieses Prozesses lässt sich nicht vorhersagen, daher ist dem Ereignis der Resonanz auch immer ein Moment der Unverfügbarkeit eigen. Dies gelte es zu suchen und zu fördern.

All dies formuliert er in einer zugänglichen und präzisen Sprache. Nichts, was er sagt, ist falsch, auch wenn seine Beispiele lediglich und oft zu eindeutig der Untermauerung seiner Thesen dienen: dass die Welt schneller wird, die Digitalisierung weitere Vernetzung ermöglicht und Selbstoptimierung alle Lebensbereiche erfasst, ist richtig. Aber auch alles bekannt. Das Buch wird damit anschlussfähig für aktuelle Stimmungen, bleibt aber im Ungefähren.

Rosas Ausweg liegt in einem authentischen Miteinander, das die Unverfügbarkeit der anderen anerkennt und sich harmonisch zu Mitmenschen, zur Natur und zur Welt an sich verhält. Für eine kritische Theorie der Gesellschaft ist das etwas dünn. Sicherlich braucht es eine Kritik am spätmodernen Kontrollbedürfnis, doch gleichzeitig leben wir in einer Welt, in der Phänomene wie Finanzkrisen oder Hungersnöte als etwas begriffen werden, über das die Menschen keine Verfügung haben und doch sind sie menschengemacht. Emanzipatorische Theorie sollte den Fokus auf Veränderbarkeit legen und sich nicht mit Schneefall zufriedengeben.