An Bildung ist nicht zu denken

In der nordsyrischen Stadt Qamişlo ist der Unterricht aufgrund tausender Geflüchteter zum Erliegen gekommen. Nesrîn Reşik, Referentin unserer Partnergewerkschaft UTNES, schildert die Lage als dramatisch. Erschienen in: bbz Juli/August 2026

Statt Klassenräume gibt es Schlafplätze, statt Tafeln und Lehrplänen Menschen, die vor den Kämpfen aus anderen Teilen der demokratischen Selbstverwaltung von Rojava geflohen sind. »Die Schulen sind übervoll und leiden unter bedrohlichen humanitären Bedingungen«, so Nesrîn Reşik, Referentin der Union of Teachers of North and East Syria (UTNES). Viele Menschen stammen aus Raqqa, Tabqa oder Efrin und sind teils schon zum vierten Mal auf der Flucht. Von geschätzt 140.000 Binnenvertriebenen sind viele in Zeltlagern, Moscheen und in Schulen untergebracht. Allein in Qamişlo werden rund 300 Notunterkünfte gezählt.

Zum Jahresanfang griffen Truppen der sogenannten Übergangsregierung unter dem selbsternannten Präsidenten Ahmed Al-Scharaa, einem ehemaligen Al-Qaida-Kämpfer, gemeinsam mit verbündeten islamistischen Milizen die nord- und ostsyrische Selbstverwaltung an. Es kam zur Waffenruhe, als die Milizen bereits an den kurdisch dominierten Siedlungsgebieten standen. Also jenen Regionen, in denen 2012 die Rojava-Revolution begann. Neben der Region Dschazira kontrollierte die Selbstverwaltung zuletzt noch Kobanê. Strom- und Wasserversorgung waren dort lange unterbrochen, der Güterverkehr gekappt. Die humanitäre Lage bleibt prekär, auch wenn die Kanonen mittlerweile schweigen.

Nesrîn Reşik beschreibt die Situation in Kobanê als erstickend. Besonders alarmierend ist, dass die Fortschritte im Bildungsbereich akut bedroht sind. Im letzten Jahrzehnt wurde in Rojava ein neuartiges, basisdemokratisch organisiertes Bildungssystem aufgebaut. Öffentliche Schulen arbeiteten mit einem mehrsprachigen Lehrplan. Kurdisch, Arabisch und Aramäisch waren neben Englisch gleichberechtigt. Das System war dezentral organisiert, Lehrpläne und Schulprojekte wurden vor Ort entwickelt. Viele Schulen kooperierten mit Bibliotheken, Bildungszentren und lokalen Akademien. Neben Grund- und Sekundarbildung entstanden neue Hochschulen, die klassische Studienfächer mit lokalem Curriculum verbanden. Diese Errungenschaften stehen jetzt auf dem Spiel, weil Schulen als Notunterkünfte dienen und Lehrer*innen unter enormem Druck stehen. Nach der Machtübernahme der syrischen Übergangsregierung und den Verhandlungen mit den Organen der Selbstverwaltung stehen alle demokratischen, multiethnischen und geschlechtergerechten Prinzipien des Bildungssystems der Selbstverwaltung zur Diskussion. Es ist offen, welche Auswirkungen es letztendlich auf das Bildungssystem haben wird.

Zuletzt unterstützte die Kampagne »Solardarity« das Bildungswesen durch den Aufbau dezentraler Solaranlagen auf Schuldächern. Mit Spendengeldern wurden Schulen elektrifiziert und mit Batteriespeicher-Solarsystemen ausgestattet, darunter die Qanat Al Swes-Schule mit knapp 200 Schüler*innen sowie die Al-Sayyida Zainab-Schule mit rund 180 Schüler*innen. »Seit der Stromversorgung hat sich eine enorme Verbesserung ergeben. Beleuchtung, Labore und Kühlsysteme sind nun verfügbar und verleihen der Schule in jeder Hinsicht neues Leben«, beschreibt Geografielehrerin Naseeba Tamo die Lage.

Angesichts der letzten Fluchtbewegungen hat »Solardarity« seine Strategie angepasst: Aktuell wird vermehrt Geld für Mini-Panele gesammelt, mit denen Binnenvertriebene etwa ihre Smartphones aufladen können. Zu diesen gehören auch Lehrkräfte und Mitglieder von UTNES aus der Region Efrin und Shehba, mit denen die GEW BERLIN eine Partnerschaft pflegt. Solche einfachen Technologien verbessern unmittelbar die Lebensbedingungen in Notlagern und sie bedeuten eine konkrete Unterstützung für Geflüchtete.

Kampagne »Solardarity« unterstützen: www.solardarity-rojava.org