Die Frage, wie Linke zu Militär und Gewalt stehen, berührt den Kern eines emanzipatorischen Selbstverständnisses. Erschienen in: ND.Die Woche vom 09.06.2026
Die Wehrpflicht bestimmt hierzulande gegenwärtig die Debatten mit. Für die politische Linke ist sie ein heikles Thema: Einerseits wird sie abgelehnt, wie die Anti-Wehrpflicht-Proteste zeigen. Andererseits müssen Linke eine glaubwürdige Antwort auf Sicherheits- und Verteidigungsfragen liefern. Vor diesem Hintergrund hat Felix Wemheuer in »nd.Die Woche« vom 28. Mai 2026 einen klugen Text geschrieben, der die lange und widersprüchliche Debatte der Linken über Militär, Krieg und Revolution nachzeichnet.
Wemheuer stellt die Frage, ob eine Armee zuerst ein Instrument der Herrschenden ist, das Aufstände niederschlägt, oder ob sie sich durch Politisierung zu einem Ort entwickeln könnte, an dem sich die Soldaten gegen die alte Ordnung wenden. In einer historischen Durchsicht kommt er zum Schluss, dass Linke die Wehrpflicht nicht einfach aus pazifistischer Haltung ablehnen und zugleich die Armee als bloß rechts abtun sollten. Historisch waren emanzipatorische Umbrüche oft nur möglich, wenn Armeen zerfielen, neutral blieben oder sich spalteten. Darum müsse eine linke Strategie heute auch die Militärfrage neu denken, statt sie den Rechten zu überlassen.
Diese Forderung möchte ich durch einen Aspekt ergänzen, der mir im lesenswerten Text von Felix Wemheuer etwas zu kurz zu kommen scheint: der Zusammenhang verschiedener Logiken, die in linken Bewegungen beziehungsweise in militärischen Strukturen wirken. Denn die Debatte über Militarisierung wird oft so geführt, als ginge es nur um die Frage, ob ein Staat »wehrhaft« genug ist. Doch das eigentliche Problem betrifft das Verhältnis von sozialen Bewegungen und Gewalt selbst: Wer organisiert Gewalt, zu welchem Zweck, und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen? Linke Bewegungen der letzten 150 Jahre – von der Pariser Kommune bis nach Rojava – haben dieses Verhältnis ganz unterschiedlich gelöst.
Zwei soziale Logiken
Ein historisches Beispiel, an dem unterschiedliche Arten zusammentrafen, war der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 1939. Der Krieg begann nach einem faschistischen Militärputsch um Francisco Franco gegen die Spanische Republik und wurde schnell zu einem Sinnbild des europäischen Konflikts zwischen Demokratie, Faschismus und Revolution. Die republikanische Seite reagierte auf die militärische Gewalt Francos unterschiedlich.
Die erste Form lässt sich als »Militarisierung des Sozialen« beschreiben. Gemeint ist damit, dass soziale Bewegungen unter den Bedingungen eines existenziellen Konflikts die Handlungslogik des Krieges übernehmen und ihre eigenen Strukturen nach militärischen Prinzipien ausrichten. Nicht mehr die offene soziale Auseinandersetzung oder die langfristige Umgestaltung der Gesellschaft stehen im Zentrum, sondern zunächst der militärische Sieg, der durch Disziplin, Hierarchie, Befehlsstrukturen und die Konzentration aller Kräfte erreicht werden soll. Dieser Logik folgte die Kommunistische Partei Spaniens – mit Rückendeckung durch die KPdSU. Sie setzte alles daran, eine zentralisierte, reguläre Rote Armee aufzubauen und drängte darauf, die revolutionäre Dynamik den Erfordernissen des Krieges unterzuordnen. In dieser Perspektive wurde die soziale Revolution zunächst aufgeschoben: Erst müsse der Krieg gewonnen werden, so die Sichtweise, dann könne die gesellschaftliche Ordnung grundlegend verändert werden.
In Rojava wurden Mechanismen geschaffen, die eine enge Verbindung zwischen Gesellschaft und Verteidigungsstrukturen aufrechterhalten sollen.
Demgegenüber steht das Konzept der »Sozialisierung des Militärs«. Hier wird militärische Verteidigung nicht als eigenständige, von der Gesellschaft abgelöste Sphäre verstanden, sondern als Teil eines umfassenderen Prozesses. Der bewaffnete Kampf bleibt zwar notwendig, wird jedoch nicht zum Selbstzweck und nicht zur dominierenden Form des Politischen erhoben. Vielmehr soll er unmittelbar mit emanzipatorischer Veränderung verbunden bleiben. Besonders deutlich wurde dies in den anarchistischen Milizen um den Revolutionär Buenaventura Durruti, die während des Spanischen Bürgerkriegs nicht nur gegen die faschistischen Putschisten kämpften, sondern in den von ihnen kontrollierten Gebieten auch unmittelbar soziale Umwälzungen einleiteten. Dort entstanden kollektive Wirtschaftsformen, es kam zu Bildungsinitiativen, und auch Fragen der Geschlechterordnung wurden neu verhandelt. Die Revolution wurde also nicht in eine unbestimmte Zukunft nach dem Krieg verschoben, sondern sollte bereits im Verlauf des Konflikts Gestalt annehmen. Krieg und gesellschaftliche Transformation erschienen in dieser Logik nicht als Gegensätze, sondern als eng miteinander verflochtene Momente eines gemeinsamen politischen Projekts.
Über das Bestehende hinaus
Ähnliche Ansätze lassen sich in jüngerer Zeit in Rojava, der kurdisch geprägten Selbstverwaltung Nordostsyriens, beobachten. Zwar existieren dort mit den kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und PYJ militärisch organisierte Kräfte. Gleichzeitig wurden jedoch Mechanismen geschaffen, die eine enge Verbindung zwischen Gesellschaft und Verteidigungsstrukturen aufrechterhalten sollen. Dazu gehören demokratische Formen innerhalb des Militärs wie die Wahl der Offiziere oder reglementierte Kritik-Runden, an denen sich auch Vorgesetzte beteiligen müssen, lokale Selbstverwaltungsorgane, Formen demokratischer Kontrolle sowie zivile Verteidigungseinheiten, die als Bindeglied zwischen Bevölkerung und bewaffneten Kräften fungieren. Ziel ist es, die Entstehung eines von der Gesellschaft losgelösten militärischen Machtapparats zu verhindern.
Für die heutige politische Linke in Westeuropa stellt sich die Frage militärischer Selbstverteidigung zwar nicht in derselben Form wie in historischen Situationen eines Bürgerkriegs. Dennoch bleiben die beiden beschriebenen Strategien von Bedeutung. Sie verweisen auf einen grundlegenden Konflikt politischer Praxis: Soll man die Spielregeln übernehmen, die politische Gegner oder bestehende Machtverhältnisse von außen vorgeben, oder eigene Maßstäbe setzen und gesellschaftliche Veränderungen aus einer selbstbestimmten Perspektive heraus vorantreiben? Wer die Logik des Gegners übernimmt, bewegt sich zwangsläufig innerhalb eines bereits definierten Rahmens und riskiert, die eigenen Ziele den bestehenden Verhältnissen anzupassen. Wer hingegen auf eigene politische Maßstäbe setzt, kann neue Handlungsspielräume eröffnen, muss dafür jedoch auch Widerstände und gesellschaftliche Mehrheiten herausfordern.
Daraus folgt keine einfache Antwort, wohl aber eine klare Frage: Wann ist Anpassung nötig, und wann muss man auf eine eigene politische Logik setzen? Entscheidend ist, ob es gelingt, Forderungen zu formulieren, die über die bestehenden Grenzen des politischen Diskurses hinausweisen und gesellschaftliche Veränderungen ermöglichen. Eine Bewegung, die sich vor allem anschlussfähig gibt, bleibt berechenbar und kann leicht integriert werden; eine Bewegung, die den bestehenden Rahmen – wie etwa die Gelbwestenbewegung 2018 in Frankreich – verlässt und spontan und unvorhergesehen agiert, kann dagegen politischen Druck erzeugen. Eine Politik des Appells alleine wird nicht reichen – sei es bei den Protesten gegen die Wehrpflicht oder bei den angekündigten Sozialprotesten unter dem Titel »Es reicht!«.

