Der neue Armutsbericht zeigt: Immer mehr Menschen können sich das Leben hierzulande nicht mehr leisten. Die Politik der Bundesregierung verschlimmert diesen Zustand fortwährend, statt Abhilfe zu schaffen. Erschienen in: Jungle World vom 11.06.2026
Der neue Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands zeichnet ein düsteres Bild: 13,3 Millionen Menschen in Deutschland leben nach derzeitiger Berechnung in Armut. Der Definition der Europäischen Union zufolge ist arm, wer in einem Haushalt lebt, dessen verfügbares Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens aller Haushalte des fraglichen Landes beträgt. Im vergangenen Jahr lag diese sogenannte Armutsgrenze, bezogen auf eine alleinlebende Person, bei 1.445 Euro netto im Monat. Die Armutsquote stieg von 15,5 im Jahr 2024 auf 16,1 Prozent und erreicht damit wieder das Niveau des Jahres 2020.
Im Deutschlandfunk sprach Joachim Rock, der Hauptgeschäftsführer des Verbands, von einer »krisenhaften Situation« und warnte die Bundesregierung vor weiteren Einschnitten bei den Sozialleistungen. Außer der zunehmenden Armut kritisierte er auch die wachsende soziale Ungleichheit hierzulande. Die »soziale Spaltung« vertiefe sich, während sich immer mehr politische Debatten darum drehen, den Etat auf dem Rücken der Schwächsten zu entlasten, anstatt Armut zu bekämpfen.
Der Bericht stellt dar, dass Armut in Deutschland weit verbreitet, jedoch regional sehr ungleich verteilt ist. Während Bayern und Baden-Württemberg mit mit 12,6 beziehungsweise 13,2 Prozent die niedrigsten Quoten aufweisen, finden sich in Bremen (27,5 Prozent), Sachsen-Anhalt (21,3 Prozent) sowie Hamburg (18,9 Prozent) und Berlin (18,7 Prozent) die höchsten Zahlen. Zudem sind laut Bericht ältere, alleinlebende und alleinerziehende Menschen besonders betroffen. Bei Menschen über 65 Jahren liegt die Armutsquote inzwischen bei 19,5 Prozent, bei Frauen über 75 Jahren sogar bei 21,3 Prozent. Alleinlebende kommen auf 30,3 Prozent, Alleinerziehende auf 28,9 Prozent. Armut ist somit nicht mehr nur ein Phänomen klassischer Erwerbslosigkeit, sondern trifft genau jene Lebenslagen, in denen die Kosten des Alltags ohnehin hoch und die Spielräume klein sind: nach einem langen Erwerbsleben, mit Kind allein, mit steigenden Mieten, mit knappen Renten.
Wenig überraschend sind die Zahlen für Olaf Groh-Samberg. Er ist Professor für Soziologie an der Universität Bremen und Direktor des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt. „Wir wissen aus der Forschung, dass die Armut seit mindestens vier Jahrzehnten kontinuierlich ansteigt“, erklärt er im Gespräch. Was der Bericht nun erneut verdeutliche, sei nicht nur eine Normalisierung der Armut, sondern ihr stetiges Wachstum: „Die wichtige Botschaft ist, dass der Anstieg der Armut nicht abreißt“, so Groh-Samberg.
Armut bedeutet für die betroffenen Menschen zunächst erheblichen materiellen Stress – selbst in Bezug auf alltägliche Bedürfnisse, erläutert der Soziologe weiter. „Man muss jeden Euro dreimal umdrehen und schlicht sehen, wie man sich das tägliche Leben leisten kann und über die Runden kommt.“ Damit einher gingen Aspekte wie Scham, Frustration, Ermüdung oder Wut.
Die aktuellen Sparpläne der Bundesregierung dürften die Situation für betroffene Menschen noch zusätzlich verschärfen. Beim Wohngeld steht nach Medienberichten eine Milliarde Euro Kürzung im Raum; beim Elterngeld sollen mindestens 350 Millionen Euro eingespart werden. Hinzu kommen geplante Kürzungen bei der Unterstützung für Alleinerziehende, bei der Kinderbetreuung sowie die Blockade bei der Bafög-Reform. Auch die vielfältigen Verschärfungen der „neuen Grundsicherung“ passen in dieses Bild; bei versäumten Terminen und ‚Pflichtverletzungen‘ sind nun drastische Sanktionen möglich, bis hin zum vollständigen Entzug der Leistung einschließlich Mietkosten.
Kritik an dieser Politik kommt aus der Opposition. Linken-Co-Fraktionschefin Heidi Reichinnek kritisierte die Regierung dafür, „alle Sozialsysteme infrage zu stellen, die über Jahrzehnte erkämpft wurden“, anstatt in Krisenzeiten für Sicherheit zu sorgen. Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann nannte den Armutsbericht „ein Armutszeugnis für die Bundesregierung“. Die Koalition habe auf die wachsende Armut „keine Antwort“, vielmehr verschärfe die Politik der Regierung soziale Ungleichheit, statt sie zu bekämpfen.
Ähnlich äußerte sich auch Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Armutsforscher, der lange an der Universität Köln gelehrt hat. „Weder die jetzige noch die vorherige Bundesregierung hat Armut als strukturelles Problem begriffen. Vielmehr wird Armut als individuelles Versagen angesehen und eine demensprechende Politik gemacht“, erläutert Butterwegge. Nicht die Armut werde bekämpft, sondern die Armen, ist sich der Politologe sicher. Wichtig ist ihm zudem, Armut als gesellschaftliches Verhältnis zu begreifen. „Wer vom Reichtum nicht reden will, sollte auch von der Armut schweigen – und wer die Armut bekämpfen will, der muss den Reichtum antasten.“
Denn während Millionen Menschen am Monatsende rechnen müssen, wächst oben weiter der Reichtum. Laut einer aktuellen Auswertung der Boston Consulting Group stieg das Nettovermögen in Deutschland 2025 um rund 15 Prozent auf 23,3 Billionen US-Dollar; zugleich gab es Ende 2025 etwa 5000 Superreiche mit Vermögen von mehr als 100 Millionen Dollar, 1100 mehr als im Vorjahr. Oxfam verweist zusätzlich auf 172 Milliardärinnen und Milliardäre in Deutschland und einen inflationsbereinigten Vermögenszuwachs von 30 Prozent innerhalb eines Jahres.
Die gegenwärtige Politik verschärfe die soziale Ungleichheit jedoch. Gegenwärtig finde statt „Armutsbekämpfung Reichtumsförderung statt“, so Butterwegge weiter. „Es wird eine Steuerpolitik gemacht, welche die Unternehmen begünstigt. Hingegen erwäge man in der CDU/CSU/SPD-Koalition eine weitere Anhebung der Mehrwertsteuer. Dadurch würden die durch Krisen und steigende Preise ohnehin gebeutelten Armen besonders stark belastet.“
Genau hier müsste Sozialpolitik ansetzen. Nicht bei der nächsten Kürzungsrunde, nicht bei der Disziplinierung der Armen, nicht bei der Erzählung, der Staat müsse „sparen“, indem er Menschen den Boden unter den Füßen entzieht. Armut bekämpft man mit bezahlbarem Wohnen, verlässlichen Transfers, guter Kinderbetreuung, armutsfesten Renten und einer Steuerpolitik, die sehr hohe Vermögen und Einkommen endlich stärker heranzieht, so Butterwegge.
Konstant hohe Armut und soziale Ungleichheit sind nicht nur für betroffene Menschen eine große Herausforderung, sondern können auch zu einem Problem für den gesellschaftlichen Zusammenhalt werden, ergänzt Olaf Groh-Samberg aus Bremen. „Armut an sich widerspricht der Idee einer inklusiven Gesellschaft.“ Arme Menschen würden auch politisch an den Rand gedrängt. „Es gelingt ihnen nicht, ihre Interessen zu artikulieren und gehört zu werden.“
Dabei sei Armut inzwischen „längst auch eine Gefahr“ für Beschäftigte, wie Linken-Fraktionschef Sören Pellmann gegenüber der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Immer mehr Menschen könnten von ihren Löhnen nicht mehr leben. Mara Buchstab kann dies aus der Forschung bestätigen. Sie ist Projektmanagerin bei der linksliberalen Denkfabrik „Progressives Zentrum“. In dieser Funktion setzt sie sich mit dem Zusammenhang von prekärer Beschäftigung und Vertrauen in Demokratie auseinander. „Der politische Diskurs findet fernab der Arbeits- und Lebensrealität der arbeitenden Bevölkerung statt. Dies führt zu einer zunehmenden Distanz und wird auch zu einem demokratiepolitischen Problem.” Je unsicherer man sich im Job fühle und je weniger Mitbestimmung und Solidarität man dort erlebe, desto geringer sei das Vertrauen in die Demokratie. „Entsprechend besteht kaum Hoffnung darauf, durch eigenes politisches Handeln etwas an den Ungleichheiten zu ändern.“ Gleichzeitig verweist Buchstab auch auf Erfolge: „Durch Organisierung können wichtige Erfolge erzielt werden, wie beispielsweise in der Berliner Krankenhausbewegung. Solche Erfahrungen von kollektiver Handlungsfähigkeit sind enorm wichtig und können die politische Selbstwirksamkeit stärken.“
Gerade auch ein wirksamer Kampf gegen Armut braucht deshalb Solidarität und Handlungsmacht von unten. Wo sich Menschen organisieren, ihre Interessen gemeinsam vertreten und Druck aufbauen, können sich Kräfte entwickeln, die Armut nicht nur verwalten, sondern zurückdrängen können. Ob die von der Linkspartei geplanten bundesweiten Sozialproteste unter dem Titel „Es reicht! Das Leben bezahlbar machen“ dafür ein Neuanfang sein können, wird sich zeigen. Zu wünschen wäre es vor allem den betroffenen Menschen.

