Im Gespräch mit Grit Straßenberger über ihre Hannah-Arendt-Biografie. Erschienen in: ND.Die Woche vom 02.06.2026
In Ihrer Biografie beschreiben Sie Hannah Arendt stets eingebettet in soziale Kontexte und Beziehungen. Wie muss man sich Arendt als Freundin vorstellen?
Ich glaube, dass man sich Hannah Arendt als eine sehr treue Freundin vorstellen kann. Sie hat von Freundschaften wirklich viel gehalten und langjährige Beziehungen sehr geschätzt. Sie war eine Virtuosin der Freundschaft. Der Philosoph Hans Jonas hat nicht ohne Grund gesagt, dass sie eine Begabung hatte, Freundschaften zu stiften und sie auch mit einem erheblichen Zeitaufwand aufrechterhalten. Man merkt – beispielsweise in ihren fulminanten Briefwechseln –, dass ihr dabei private Aspekte wichtig waren, sie aber immer auch große Fragen der Theorie und politische Themen der Zeit verhandelt hat.
Dabei kam es mitunter zum Streit. Arendt selbst sagte, man müsse »Mut vor dem Freund« haben. Wie ich finde, eine sehr schöne Formulierung. Zeigt sich diese Vorstellung von Freundschaft auch in ihrer Theoriearbeit?
In Freundschaften kann man einüben, Konflikte auf eine moderate Weise auszutragen. Weil man sich mag und weil das Band der Freundschaft die Freunde auch in ihrer Verschiedenheit hält, kann man auch Konfliktthemen auf den Tisch packen und sie relativ vorurteilslos miteinander besprechen. Das ist Arendt auch für das Politische wichtig: einen Modus zu finden, in dem man Konflikte miteinander ernsthaft austragen kann. Dazu gehört auch der von Karl Jaspers stammende Gedanke vom ›Wagnis der Öffentlichkeit‹.
Was ist damit gemeint?
Man braucht in der Politik den Mut, sich in der Öffentlichkeit mit einem Vorschlag zu exponieren. Man muss damit rechnen, auch angegriffen zu werden. Es ist sogar normal, dass andere einem widersprechen. Aus Widersprüchen entsteht dann aber Entwicklung und immer die Möglichkeit eines Neuanfangs. Arendt spricht von Natalität. Es geht ihr um ein Ausprobieren, ein Überzeugen und nicht um ein politisches Denken in festen, starren Systemen. Sie versteht Philosophie und auch Politik als Streitgespräch.
Arendt spricht immer wieder vom spontanen und initiativen Handeln.
Dahinter steht die große Idee, dass Menschen politisch gemeinsam etwas Neues anfangen können. Gleichzeitig spricht Arendt auch von spontanen Bewegungen der Selbstorganisation. Sie denkt dabei stark gruppendynamisch, was eng mit ihrem Rätemodell verbunden ist.
Was versteht Hannah Arendt unter Räten?
Sie sind für sie eine demokratische Selbstorganisationsform des Volkes, gewissermaßen der demokratische Geist der Revolutionen, wie sie sagt. Das sollte man ernst nehmen, gerade weil sie sich sonst oft kritisch über Demokratie geäußert hat, aber eben nicht in Bezug auf die Räte.
In ihrem Buch »Über die Revolution« erzählt Arendt diese vergessene Geschichte der Räte, die aus ihrer historischen Beobachtung heraus in fast allen Revolutionen auftauchen. Sie gestalten den Zwischenraum zwischen einer alten Ordnung, die zerfällt, und einer neuen Ordnung, die noch nicht existiert. Gleichzeitig sieht Arendt aber auch, dass die Räte historisch nur temporäre Phänomene geblieben sind. Am Ende hätten die besser organisierten, bürokratisch-hierarchischen Parteien die Oberhand gewonnen und die Räte verdrängt. Arendt selbst schreibt gegen dieses Vergessen an. Indem sie diese »traurige« Geschichte der Räte erzählt, bringt sie Erfahrungen politischen Handelns wieder in unseren politischen Denkhorizont zurück, die sonst als unbedeutend oder marginal abgetan worden wären. Genau darin liegt auch das Performative ihres Schreibens.
Nun ist Hannah Arendt des Marxismus unverdächtig. Für sie war Aristoteles ein wichtiger Bezugspunkt. Wie kommt sie vor dem Hintergrund dieser Theorietradition dazu, so emphatisch über Räte zu schreiben?
Weil in den Räten in erster Linie wirklich politisch gehandelt wurde. Wichtig dabei ist Arendts Praxisbegriff, der meint, dass wir das Schwimmen nur im Wasser lernen. Das sagt sie auch in Bezug auf die Räte: Politik lernen wir nicht einfach durch Bücherlesen. Dort werden wir vielleicht inspiriert, oder wir erinnern uns an Geschichten und an große historische Momente. Aber das eigentliche Einüben geschieht nur in der Praxis selbst. Das zeigen dann auch Revolutionen: Immer wieder gab es Formen von Selbstverwaltung und Selbstregierung, denen Arendt große Bedeutung beimisst. Gerade auf kommunaler Ebene, aber auch darüber hinaus, sieht sie darin die Möglichkeit, das sonst nur flüchtige Phänomen der Freiheit auf Dauer zu stellen. Für sie ist damit die Hoffnung verbunden, dass aus diesen immer nur temporären Rätestrukturen vielleicht ein alternatives Staatsmodell entstehen könnte, in dem freiheitliches Handeln, also Initiativen ergreifen und selbst Verantwortung übernehmen, tatsächlich möglich wird.
Aber eine Räte-Theorie hat sie nicht entwickelt.
Wie man an den vielen historischen Beispielen sieht, die Arendt anführt, und an dem, was sie daraus systematisch macht, entwickelt sie keine geschlossene Räte-Staatstheorie. Es bleibt eher eine Utopie, aber eine attraktive. Und dafür, dass sie Utopien sonst eher skeptisch gegenüberstand, war sie dieser realistischen Utopie durchaus aufgeschlossen.
Ein bedeutendes Beispiel für Arendt war die Ungarische Revolution von 1956. Was faszinierte daran besonders?
Vieles hat sie daran begeistert. Für sie war das, gerade weil sie damals selbst in Europa war, so etwas wie ein völlig unerwarteter Versuch eines politischen Neuanfangs. In einem sehr repressiven, gewissermaßen totalitären System wie in Ungarn ergab sich plötzlich die Chance, Politik neu zu beginnen. Und zwar nicht nur als Idee, sondern als Versuch, an dem sehr viele Menschen beteiligt waren, die bereit waren, dieses Wagnis einzugehen und gegen Fremdherrschaft aufzubegehren. Dass das nicht erwartbar war, hat sie fasziniert. Die Revolution war für sie ein Ereignis. Deshalb hat sie sie mit großer Emphase und trotz ihres tragischen Ausgangs ausdrücklich begrüßt. Für sie war es ein Zeichen dafür, dass Menschen selbst in den schlimmsten Situationen aufbegehren und sich gemeinsam organisieren können. Besonders fasziniert hat sie außerdem, dass hier Freiheit das leitende Motiv war, etwas neu begonnen werden sollte, und zwar als Aktion der Bevölkerung ohne Führer. Sie betont stark, dass es keinem festgelegten Programm folgte und insofern wirklich spontan war, aber eben nicht chaotisch oder anarchisch und überdies gewaltlos. Genau darin kam für sie vieles zusammen, was politische Freiheit ausmacht: Gewaltlosigkeit, Selbstorganisation, Hierarchielosigkeit und die Bereitschaft, nicht zu verzagen, nur weil es keinen fertigen Plan gibt. Denn auch hier folgte die Theorie der Praxis, nicht umgekehrt.
»Sie hielt eine Konfliktordnung für stabiler als eine Konsensordnung.«
Ihr Ungarn-Buch wollte sie Rosa Luxemburg widmen und wurde dann vom Verlag daran gehindert. War das dem Zeitgeist geschuldet oder eine strategische Entscheidung?
Arendt hat die Widmung »Der Erinnerung an Rosa Luxemburg« vorgeschlagen, und der Verleger Klaus Piper hielt das nicht für eine gute Idee, weil damit ein bestimmter Leserkreis angesprochen würde, den man in dieser Zeit eher nicht erreichen wollte. Daraufhin hat Arendt die Idee wieder zurückgezogen mit der Bemerkung: Wenn man groß erklären muss, was mit einer Widmung gemeint ist, geht es nicht. Trotzdem wird etwa in der Ungarn-Schrift sehr deutlich, wie stark sie Rosa Luxemburg bewundert hat. Das zieht sich durch ihre Texte. Sie betont dabei stets, dass man Luxemburg missversteht, wenn man sie nur auf Gedankenfreiheit reduziert. Entscheidend sei vielmehr ihr komplexes Freiheitskonzept, das mit Spontaneität und der Erfahrung gemeinsamen Handelns in Freiheit verbunden ist. Genau das hat Arendt sich in gewisser Weise angeeignet. Sie hob immer wieder Aspekte von Luxemburg hervor, die für ihre eigene politische Theorie wichtig sind: die Rolle der Intellektuellen, die Paria-Position und die Distanz zu einem marxistisch-leninistischen Mainstream. Gerade deshalb interessiert sie Luxemburg als eine Figur in einer politischen Randposition.
Jedoch haben für Arendt sozioökonomische Fragen und soziale Vorsetzungen politischer Freiheiten nicht wirklich eine Rolle gespielt.
Arendt nimmt nicht wirklich wahr, dass sie eigentlich erklären müsste, wie politische Teilhabe unter ungleichen sozialen Bedingungen überhaupt möglich sein soll. Man müsste ja etwa darüber sprechen, wie Menschen materiell abgesichert werden können, damit sie überhaupt die Freiheit und damit auch die freie Zeit haben, sich politisch zu betätigen. Genau dort bleibt eine Leerstelle. Arendt sagt im Grunde: Dass es sozioökonomische Voraussetzungen für politische Partizipation braucht, versteht sich von selbst, darüber müsse man gar nicht diskutieren. Das ist einerseits beeindruckend, weil es eine klare normative Aussage ist. Andererseits hinkt diese Position, weil die gesellschaftliche Wirklichkeit faktisch anders aussieht. Und gerade für Arendt, die immer darauf bestanden hat, dass politische Theorie an Erfahrung rückgebunden sein müsse, hätte eigentlich klar sein müssen, dass die Wirklichkeit dieser »selbstverständlichen« Norm widerspricht.
Arendt sagt, man dürfe Konflikte nicht scheuen, sondern austragen. Was bedeutet dieser Gedanke, auch mit Blick auf heutige Debatten rund um Polarisierung?
Arendt meint, dass wir uns frühzeitig einüben müssen, Konflikte auszutragen und nicht erst dann damit anfangen, wenn bereits Akteure auftreten, die an Polarisierung und nicht an Konfliktbearbeitung interessiert sind. Aber Konflikte bergen Risiken; sie lassen sich nicht sicher berechnen; es bleibt immer ein Moment von Fragilität, wenn man Dissens offen austrägt. Aber genau das hält die politische Gemeinschaft in Bewegung und verhindert Apathie und Entfernung von der Politik. Insofern liegt sie damit nicht falsch. Die Unwilligkeit, sich im öffentlichen Raum mit anderen überhaupt noch zu streiten über das, was wir gemeinsam für richtig halten oder eben nicht, wird auf Dauer das Gemeinwesen destabilisieren und seine Voraussetzungen aufzehren. Arendts republikanische Überzeugung war deshalb, dass man eine Ordnung bauen und Räume schaffen muss, in denen alle, die wollen, politisch partizipieren, sich streiten und Konflikte austragen können. Sie hielt eine solche Konfliktordnung für stabiler als eine Konsensordnung.
Der Konflikt ist also der Gegenpol zur Polarisierung?
Genau, eine pluralistische Form der Konfliktaustragung ist keine Polarisierung. Arendt verfolgt die Idee einer Integration über Konflikt. Das meint die Idee vom Anfang: Wenn wir Konflikte, wie etwa in Freundschaften, austragen, dann stärkt das diese Freundschaften noch! Im Konflikt lernen wir uns anders kennen und es eröffnen sich neue Perspektiven, die wir vorher gar nicht gesehen haben. Arendt hat stets diese produktive Seite des Konflikts stark gemacht.
Vielen Dank.

