Politischer Aktionsraum Stadion: Kollektiver Fan-Protest wirkt

Die Politikwissenschaftler Lara Schauland und Raphael Molter über Fußball als gesellschaftliches Phänomen. Erschienen in ND.Die Woche vom 27.02.2026.

Sie beide verstehen Fußball als gesellschaftliches Phänomen. Gerade die kapitalistische Profitlogik findet sich im Profifußball ganz offensichtlich. Kann man dagegen noch etwas tun?

Lara Schauland: Eindämmen vielleicht, aber vollständig zurückdrängen wohl kaum, solange die grundlegenden kapitalistischen Bedingungen sich nicht ändern. Fußball ist eine globale Unterhaltungsindustrie, die von Monopolen und Exklusivrechten lebt. Medienkonzerne, Investoren und Verbände sind strukturell darauf angewiesen, den Profifußball weiter auszubeuten. Trotzdem gibt es natürlich demokratische Restbestände wie die 50+1-Regel und die dadurch halbwegs abgesicherte Mitbestimmung durch Mitglieder.

Raphael Molter: Die Fanproteste 2023 und 2024 gegen den DFL-Investoreneinstieg oder gegen die Repressionszunahme der Innenministerkonferenz im Dezember 2025 zeigen, dass kollektiver Protest Wirkung entfalten kann. Daraus gilt es zu lernen, denn man gewinnt nur, wenn man Wissen schafft. Theorie ist die notwendige Voraussetzung für erfolgreiche Kämpfe und kann einen gesellschaftlichen Horizont aufzeigen, in dem der Fußball den Fans gehört.

Gerade zeigen die gesellschaftlichen Entwicklungen jedoch in eine andere Richtung. Spiegelt sich nicht viel eher der Rechtsruck in den Stadien?

Schauland: Ja, aber die Kurven sind immer auch umkämpfte Räume. Der Rechtsruck ist sicherlich spürbar im Rassismus, in sexistischen Positionen, in nationalistischer Symbolik und in dem Versuch rechter Gruppen, Kurven zu unterwandern und junge Menschen zu rekrutieren. Gleichzeitig gibt es in vielen Kurven seit Jahrzehnten starke antifaschistische und antirassistische Strukturen, die es so in anderen gesellschaftlichen Bereichen kaum gibt.

In vielen Regionen ist die AfD zweistellig, in anderen stellt sie sogar die Mehrheit in Umfragen. Muss man als linker Fußballfan Sorgen haben?

Molter: Jeder Fußballfan sollte ein Interesse daran haben, dass die AfD sowie die bürgerlichen Parteien nicht stärker werden. Sie alle propagieren aktuell ein autoritäres Staatsverständnis, das jede Form selbstorganisierter Kultur als Bedrohung markiert. Der Versuch der Innenministerkonferenz, eine zentralisierte Stadionverbotskommission einzuführen, zeigt, wie hoch das Interesse der herrschenden Politik an Fußball und seinen Fans ist. Die Militarisierung nach außen braucht solch eine gesellschaftliche Formierung nach innen: Das ist eine akute Bedrohung, die nicht nur vom äußersten rechten Flügel ausgeht. Für linke Fans stellt dies zudem eine ganz unmittelbare Gefahr dar: In Stadien, in denen nationalistische Ideologien wieder stärker werden, steigen die Risiken für Einschüchterung, körperliche Angriffe oder strukturelle Ausgrenzung.

Unabhängig von politischer Orientierung wird organisierte Fankultur meist mit Gewalt in Verbindung gebracht. Es wird ein Bild von Ultras gezeichnet, denen es ausschließlich um Krawalle und nicht um den Sport geht.

Schauland: Natürlich gibt es Gewalt im Umfeld der Fankultur, aber ich sehe sie weder als Kern noch als Motivation vieler Ultras. Sie organisieren Choreografien, Auswärtsfahrten, Solidarstrukturen und vieles mehr. Das bildet den Alltag und die Identität der Szene. Die Figur des ›gewalttätigen Krawallmachers‹ dient dazu, staatliche und verbandliche Repression moralisch zu rechtfertigen.

Molter: Wenn sich Gruppen einvernehmlich prügeln, ist das zunächst ihre eigene Entscheidung. Das muss man nicht gutheißen, aber das ist kein Grund für eine pauschale Dämonisierung. Hinzu kommt, dass Gewalt in und um Stadien oftmals auch erst durch eskalierendes Polizeihandeln entsteht.

Dennoch gehört Gewalt zu einer männlich dominierten Ultra-Kultur. Das schreckt sicher auch ab.

Schauland: Die Ultrakultur ist wie der Sport selbst vielerorts männlich geprägt und stark durch Vorstellungen von Stärke, Risikobereitschaft und körperlicher Präsenz geformt. Entscheidend ist aber, dass diese Muster zunehmend reflektiert und verhandelt werden in Awareness-Strukturen, internen Diskussionen oder durch die Öffnung für solche Themen. Und, dass die Gewalt-Fixierung oft verdeckt, wie sehr Ultras zugleich soziale, solidarische und bisweilen sogar politische Gegenräume zum kommerzialisierten Fußball schaffen.

Welchen Fußball wünschen Sie sich?

Beide: Einen selbstbestimmten Fußball in einer befreiten, klassenlosen Gesellschaft.

Was heißt das konkret? Wie kann linkes Engagement in der Kurve aussehen?

Molter: So was sollte sich als gelebte Praxis kollektiver Selbstorganisation zeigen. Die Kurve ist ein Raum, in dem Fans Werte wie Solidarität, Verantwortung und Autonomie entwickeln, die historisch nahe an der Arbeitersportbewegung sind. Aus der sozialen Lage vieler Fans zwischen Lohnarbeit, Prekarität und Ausschluss kann eine Kritik am Kommerz entstehen, die reale Interessengegensätze sichtbar macht. Dafür müssen sich politisch links eingestellte Menschen verantwortlich fühlen, damit im Stadion Klassenverhältnisse erfahrbar und verhandelbar werden in eben jenen fußballerischen Konflikten um Preise, Investoren oder Repression.

Lara Schauland hat zusammen mit Raphael Molter das Buch »Matchplan Meuterei – Fußballfans zwischen Kommerz und Widerstand« geschrieben. Die beiden Politikwissenschaftler sind Mitglied des Instituts für Fankultur e.V.