Der Philosoph Christian Neuhäuser über die »Gewalt der Ungleichheit«, deren gesellschaftliche Ursachen – und wie man sich gewaltfrei widersetzt. Erschienen in: ND.Die Wche vom 05.02.2026
Herr Neuhäuser, Sie forschen zu Fragen der Ungleichheit – mit welchen Ungleichheiten beschäftigen Sie sich?
Mir geht es um Ungleichheiten, aus denen Ungerechtigkeit erwächst und die zu Verletzungen führen. Viele Menschen denken da zunächst an ökonomische Ungleichheit, also Reichtum und Armut. Viel weniger wird aber über Ungleichheiten in Bildung, Religion oder der geschlechtlichen und sexuellen Identität diskutiert.
Diese Ungleichheiten werden doch bereits vielfach unter dem Begriff der Intersektionalität verhandelt, also der Verschränkung verschiedener Herrschaftsformen.
Ja, aber ich sehe da im progressiven Lager eine ganz unnötige Spaltung. Die einen nehmen die materiellen Grundlagen sehr ernst und betonen daher stark ökonomische Fragen. Andere fokussieren auf Themen wie Identität und Diskriminierung. Das driftet immer weiter auseinander. Mir ist es wichtig zu betonen, dass alle diese Formen der Ungleichheit systemisch in unser Gesellschaftssystem eingeschrieben sind. Das führt dazu, dass bestimmte Gruppen bevorzugt oder benachteiligt werden, und zwar in einer ungerechten Art und Weise, die häufig nicht mit der Idee der gleichen Würde aller Menschen vereinbar ist.
Es gibt also verschiedene Arten der Ungleichheit. Sind diese immer problematisch?
Viele Unterschiede sind einfach da. Sie werden dann zu Ungleichheiten, wenn sie gerechtigkeitstheoretisch relevant werden. Ich würde etwa sagen, dass jemand, der einen sehr anstrengenden Beruf hat, auch mehr Geld verdienen sollte als jemand mit einem sehr entspannten Beruf. Das ist eine Ungleichheit, die gerechtfertigt ist. Verdienen Menschen aufgrund von Privilegien und Machtakkumulationen jedoch deutlich mehr Geld als andere, wird es problematisch.
Dann wird die Ungleichheit gewaltförmig?
Ich habe einen sehr breiten Begriff von Gewalt. Sie liegt für mich immer dann vor, wenn jemand erhebliche Verletzungen erfährt. Das muss, erstens, nicht intentional geschehen, sondern kann auch von gesellschaftlichen Strukturen ausgehen. Zum Beispiel kennen viele Menschen aus Ostdeutschland Verletzungen, Diskriminierungen oder das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. Das muss nicht mit Absicht gemacht werden, sondern läuft in der gesamtgesellschaftlichen Kommunikation oft auch unterschwellig. Zweitens meine ich, dass Gewalt nicht nur den Körper betrifft, sondern dass es auch psychische Gewalt geben kann. Das ist relativ anerkannt. Ich teile aber noch eine dritte Dimension: die Gewalt, die die Identität eines Menschen betrifft.
Was meinen Sie mit der Verletzung der Identität?
Ich halte es etwa für Gewalt, wenn beispielsweise ein homosexueller Mensch seine Sexualität nicht frei in einer Gesellschaft ausleben kann. Damit wird er in seiner Identität erheblich verletzt und erfährt Gewalt.
Diese alltäglichen Formen von Gewalt werden sicherlich nicht immer als solche wahrgenommen. Wie geht man damit um?
Häufig werden solche Situationen von denjenigen, die sie erkennen, auf einer moralisierenden, individuellen Ebene behandelt. Ein gutes Beispiel ist das Gendern: Man versucht, gegen Geschlechterungleichheit mit einer anderen Form der Sprache vorzugehen. Als Akademiker übe ich einen Beruf aus, in dem das für mich überhaupt kein Problem darstellt. Ich komme jedoch selbst aus einer Arbeiterfamilie, wo man eben nicht so leichtfüßig mit Sprache umgehen kann. Ich finde es sehr besserwisserisch und von oben herab, dann allen, die nicht gendern, zu sagen, sie seien schlechte Menschen. Zudem ist es eine völlig falsche Strategie. Man sollte nicht die einzelnen Individuen moralisch verantwortlich machen, sondern die systemische Ebene in den Blick rücken.
Blicken wir auf das System: Wie verhalten sich soziale Ungleichheiten und der Kapitalismus zueinander?
Der Kapitalismus hat viele Formen der Ungleichheit nicht erfunden. Antisemitismus, Sexismus und das Patriarchat gab es etwa bereits vor dem Kapitalismus; er hat sie aber vielfach transformiert und verändert. Was jedoch neu hinzukam, war die Möglichkeit, unbegrenzt Privatkapital anhäufen zu können. Das stellt gegenwärtig die größte Machtressource dar, die wir haben. Damit einher geht auch die Möglichkeit, politische Macht zu beeinflussen oder auszuüben. Das können wir gegenwärtig ganz plakativ in den USA beobachten. Somit bringt der Kapitalismus schon ein ganz neues Maß an Gewaltpotenzial mit sich.
Müsste damit dann nicht auch die politische Gegenwehr beginnen?
Ja und nein. Ich bin kein Radikaler, eigentlich bin ich Sozialliberaler. Der Kampf für eine gerechte Gesellschaft müsste daran ansetzen, auf struktureller Ebene die Gleichrangigkeit und politische Gleichheit aller Menschen herzustellen. Dafür müssten eigentlich alle Formen der Ungleichheit gleichzeitig adressiert werden. Auf der anderen Seite sehe ich aber schon auch, dass man dabei am Ende wieder beim Kapital landet. Dessen extreme Konzentration in sehr wenigen Händen kann in einer echten Demokratie so nicht bestehen bleiben. Um wirklich demokratische Verhältnisse herzustellen, muss man dies daher aufbrechen.
Dafür, so scheint mir, muss man aber auch konkrete Akteure adressieren, die von dieser Ungleichheit profitieren. Wie kann politischer Protest gelingen, der die soziale Frage beantworten und zugleich die Gleichwertigkeit aller Menschen wahren will?
Wenn ich jetzt etwa einem Sexisten oder einem Vorstandsvorsitzenden bei Gelegenheit ein Ei an den Kopf werfe, dann drücke ich damit meine Verachtung aus. Das ist natürlich eine demonstrative Respektlosigkeit, die auch die Gleichwertigkeit tangiert. Aber ein solcher Akt kann durchaus gerechtfertigt sein.
Wie das?
Zwei Gründe: Hinter meiner Idee von Würde steckt zunächst ein Persönlichkeitsentwurf, der davon ausgeht, alle Menschen als gleichrangig zu begreifen. Sexistische oder klassistische Annahmen tun das eben nicht. Sie basieren gerade darauf, dass Frauen oder Arbeiter*innen als minderwertig angesehen werden. Zudem bleibt das Ei in der Interaktion zwischen dem Sexisten und mir und ist keine systemische Gewalt. Wenn jemand allerdings sehr arm ist, dann erfährt er nicht nur in einzelnen Interaktionen, sondern strukturell, dass er in dieser Gesellschaft nicht gleichrangig ist und seine Belange nicht gleichermaßen zählen.
Neben dem Ei an den Kopf: An welche Art von Widerstand gegen Ungleichheit denken Sie?
Es gibt einen starken Konsens in der Philosophie, dass in sehr ungerechten Gesellschaften Widerstand erlaubt ist. Dem würde ich zustimmen, jedoch ergänzen, dass er gewaltfrei sein muss und sich eben nicht der strukturellen Gewalt bedienen darf. Das hat philosophische, aber auch strategische Gründe. Ich glaube, die historische Erfahrung zeigt, dass der gewaltlose Widerstand jener ist, der die nachhaltigen Ergebnisse liefert.
Aber kann man der Gewalt gewaltlos begegnen? Beraubt man sich da nicht selbst der Mittel?
Zurück zum Ei: Dieser Akt stellt ja durchaus eine Verletzung der Person dar, aber er spricht dem Sexisten oder Vorstandsvorsitzenden nicht ab, ein gleichrangiges Gesellschaftsmitglied zu sein. Es geht darum, ihn symbolisch vom hohen Ross zu holen. Ein Plakat, das den Vorstandsvorsitzenden an einem Galgen zeigt, wäre allerdings problematisch, da dies nicht mehr von der Gleichrangigkeit ausgeht. In diesem Zwischenraum kann man aber sehr gut mit Formen des kreativen, künstlerischen oder kulturellen Widerstands experimentieren, der Ungerechtigkeiten thematisiert und infrage stellt.
Angesichts wachsender Ungleichheiten und des Erstarkens des Autoritarismus: Haben Sie als Philosoph noch Hoffnung?
(lacht) Ich glaube, Hoffnung gibt es immer. Ich beziehe mich sehr stark auf Jean-Jacques Rousseau. Mit ihm teile ich die Vorstellung, dass der Mensch frei geboren wird. Das erlebt jede Generation wieder neu. Ich habe selbst kleine Kinder, und es ist unglaublich zu sehen, wie stark Freiheit, Menschenliebe, Kreativität und ein Verständnis für die Würde aller Menschen in solch kleinen Wesen existieren. Daraus ziehe ich gewissermaßen einen anthropologischen Optimismus, dass es immer wieder eine neue Chance gibt.
Foto: privat
Christian Neuhäuser ist Professor für Philosophie und Geschäftsführender Direktor am Institut für Philosophie und Politikwissenschaft der Technischen Universität Dortmund. Seine Forschungsschwerpunkte sind Theorien der Würde, der Verantwortung und des Eigentums. Zuletzt erschien sein Buch »Gewalt der Ungleichheit. Würde und Widerstand«, Reclam 2025, 160 S., br., 22 €.

