Die syrische Zentralregierung und die kurdisch dominierte Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens haben sich auf ein Abkommen geeinigt, das vorsieht, die Truppen Rojavas dem Kommando der syrischen Armee zu unterstellen, und Rechte für die kurdische Bevölkerung verspricht, sonst aber vieles im Unklaren belässt. Insbesondere Minderheiten wie Yeziden befürchten neue islamistische Gewalt. Erschienen in: Jungle World vom 05.02.2026
»Immerhin ist eine erneute Gewalteskalation abgewendet worden. Weitere militärische Auseinandersetzungen hätten die Menschen hier nicht verkraftet«, berichtet Anita Starosta aus Nordsyrien. Sie leitet die Öffentlichkeitsarbeit der NGO Medico International und ist für die Türkei, Nordsyrien und den Irak zuständig.
Im Gespräch mit der Jungle World berichtet sie über die Lage in der Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien (Daanes), auch Rojava genannt. Nach einem monatelangen Konflikt und teilweise heftigen Kämpfen haben sich die kurdisch dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), die Militärallianz Rojavas, und die syrische Übergangsregierung auf eine »umfassende« Vereinbarung geeinigt. Unterzeichnet haben das Abkommen der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa, ein ehemaliger al-Qaida-Kämpfer, und der SDF-Oberkommandierende Mazlum Abdi.
Nach einer Offensive der Regierungstruppen, in der arabisch-sunnitische Islamisten dominieren, in den vergangenen Wochen und gleichzeitigen Aufständen der mehrheitlich arabischen Bevölkerung in einigen von den SDF kontrollierten Gebieten waren nur noch ein Gebiet um die Stadt Kobanê im Norden Syriens und eines im Nordosten mit der Stadt Hasakah unter Kontrolle der SDF geblieben. Das Abkommen war unter der Androhung einer Invasion dieser SDF-Kerngebiete verhandelt worden.
Die Vereinbarung sieht vor, dass die an den gegenwärtigen Fronten im Norden des Landes versammelten SDF-Kräfte und Regierungstruppen abziehen und in ihre Kasernen zurückkehren. Zudem sollen Truppen des Innenministeriums in die Städte Hasakah und Qamishli im Nordosten, die Anfang der Woche noch von den SDF gehalten wurden, einrücken und dort stationiert werden. Die Umsetzung begann sofort mit dem Inkrafttreten des Abkommens am 2. Februar, indem Truppen in die Stadt Hasakah einrückten.
Das Abkommen umfasst zudem die Bedingungen über die militärische Integration der SDF in die syrische Armee. Es sieht vor, dass die SDF in der Provinz Hasakah im Nordosten des Landes mit drei Brigaden als Division mit insgesamt circa 10.000 Soldaten in die Armee integriert werden sollen. Zudem soll es eine SDF-Brigade für die Stadt Kobanê als Teil einer Division für die Provinz von Aleppo geben. Dass SDF-Mitglieder individuell in andere Einheiten der Armee eingegliedert werden, konnte offenbar vermieden werden. Für die syrische Regierung war es, so die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana, wichtig, die Kontrolle des Zentralstaats über sämtliche bewaffnete Kräfte zu erlangen.
»Wichtiger Schritt zur Stabilität«
Îlham Ehmed, die außenpolitische Sprecherin der Selbstverwaltung, sagte zum Abkommen: »Diese Einigung stellt einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Stabilität dar.« Sie hofft, dass ein »schrittweiser Integrationsprozess die Partnerschaft sichert, die Würde aller Bevölkerungsgruppen wahrt und den Weg für eine gerechte und ausgewogene Entwicklung in allen Regionen ebnet«. Auch ein hochrangiger Vertreter der syrischen Regierung sagte der Nachrichtenagentur Reuters, das Abkommen sei endgültig.
Das Abkommen umfasst auch weitgehende politische Übereinkünfte. Der neue Gouverneur der Provinz Hasakah soll von den SDF ernannt werden, während der Kommandeur für innere Sicherheit, der bewaffnete Polizeikräfte kommandiert, von der Zentralregierung gestellt wird – eine Einigung, die lokale Beteiligung an der Regierung mit zentralstaatlicher Kontrolle verbinden soll. Schließlich schreibt das Papier kulturelle und sprachliche Rechte der kurdischen Bevölkerung in Syrien fest und unterstützt das Rückkehrrecht der kurdischen Binnenvertriebenen in die derzeit von der Türkei besetzten Gebiete Nordsyriens um die Städte Afrin, Tell Abyad und Serê Kaniyê.
Auch wenn Vertreter:innen der Selbstverwaltung das Abkommen in den vergangenen Tagen immer wieder als Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in Syrien gelobt haben, bleibt viel Unsicherheit. »Hier herrscht Enttäuschung und es gibt viel Skepsis gegenüber Damaskus«, berichtet Anita Starosta. Die Bewohner der Region hätten Angst, erreichte Freiheiten zu verlieren. »Das Abkommen bedeutet mit Sicherheit ein Ende der Selbstverwaltung von Rojava, wie wir sie bisher kannten«, meint Starosta. Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, welche Punkte der Vereinbarung tatsächlich verwirklicht werden und vor allem wie viele Rechte sich die Kurd:innen und andere ethnische Minderheiten bewahren können und welche Garantien es dafür gibt.
Humanitäre Lage in Nordsyrien katastrophal
Unterdessen ist die humanitäre Lage in Nordsyrien katastrophal. Die Schulen in Qamishli seien überfüllt mit Menschen, die vor den Kämpfen fliehen mussten, berichtet Nesrîn Reşik, die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft aus Nord- und Ostsyrien, die derzeit Nothilfe leistet, der Jungle World. An regulären Unterricht sei nicht zu denken.
Außer in Schulen kommen Flüchtlinge in Moscheen oder in Gemeindezentren unter. Allein in Qamishli soll es 130 Notunterkünfte geben. »Wir haben kaum Wasser, Lebensmittel oder Strom«, sagt Reşik. Die lokalen Behörden würden mit Hilfe der Zivilbevölkerung versuchen, die Geflüchteten mit dem Nötigsten zu versorgen. Wegen winterlicher Temperaturen sei der Mangel an Heizöl ein großes Problem, sagt Starosta.
Angst und Verunsicherung sind groß in Rojava. Bislang bekannt gewordene Details über die Pläne der Zentralregierung bestärken die Skeptiker, die der islamistischen Regierung misstrauen. Zum Kommandeur für innere Sicherheit der Provinz Hasakah will die Zentralregierung Marwan al-Ali ernennen. Er war vor dem Sturz Bashar al-Assads in der von islamistischen Aufständischen dominierten Region Idlib Sicherheitschef und als »Emir von Idlib« unter anderem für das berüchtigte Gefängnis al-Oqab verantwortlich. Dort soll es Gräueltaten wie die Folterung von Gefangenen gegeben haben.
Islamistische Tendenzen in den Reihen der neuen Machthaber
Auch darüber hinaus zeigen sich islamistische Tendenzen in den Reihen der neuen syrischen Machthaber zusehends deutlicher. Ein Dekret der Regierung für die westsyrische Provinz Latakia, in der viele Alawit:innen leben, verbietet Frauen im öffentlichen Dienst das Tragen von Make-up. In Rojava fürchtet man sich vor einem islamistisch-autoritären Rollback.
Hinzu kommt, dass viele wichtige Fragen im Abkommen im Vagen belassen oder gar nicht erwähnt wurden. So bleibt unklar, wie die Rechte der kurdischen Bevölkerung gesichert werden können. Ebenso ist offen, welche Garantien die syrische Regierung für die Rückkehr von Vertriebenen in die türkisch besetzten Gebiete geben kann. Bisher hat die Türkei keine Schritte unternommen, sich von dort zurückzuziehen. Auch eine eigenständige kurdische Verwaltung – unter dem Dach der syrischen Regierung – dürfte die Türkei wohl kaum akzeptieren.
Komplett ungeklärt ist auch, wie die kurdische Bevölkerung, aber auch andere ethnische Minderheiten politisch mitbestimmen können und welche eigenständigen politischen und zivilgesellschaftlichen Institutionen sie behalten können. Die yezidische Bevölkerung hat die Regierungsseite bislang überhaupt nicht erwähnt und erachtet sie wohl nicht als schützenswert.
Zukunft der kurdischen Frauenverteidigungskräfte YPJ
Zudem forderte al-Sharaa für alle Organisationen eine Registrierung in Damaskus, was der Regierung eine Kontrolle zivilgesellschaftlicher Aktivitäten ermöglichen soll. Schließlich ist auch die Zukunft der kurdischen Frauenverteidigungskräfte YPJ unsicher. Îlham Ehmed sagte in einer Pressekonferenz, dass die YPJ als Teil der SDF erhalten blieben und Teil der neuen Armee werden sollen. Dass die islamistische »Übergangsregierung« jedoch kurdische Frauen unter Waffen in ihrer Armee dulden wird, darf zumindest bezweifelt werden.
Es gibt genügend strittige Punkte, die dazu führen könnten, dass das Abkommen doch noch scheitert, befürchtet Anita Starosta. In Qamishli hofft Nesrîn Reşik darauf, dass die Umsetzung des Abkommens positiv verläuft, doch fürchtet sie auch Gräueltaten der Regierungstruppen.
Die Sorge ist berechtigt. Die Massaker in den vorrangig von Alawit:innen bewohnten Küstenregionen im März 2025 sowie die Eskalation der Gewalt im vergangenen Sommer in Suwayda, einer überwiegend von Drusen bewohnten Region, wo Einheiten unter dem Kommando der Zentralregierung ebenfalls Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung begingen, haben die Angst geschürt, dass die Kurd:innen die nächsten Opfer der Jihadisten werden könnten.
Diese Angst ist besonders unter der yezidischen Bevölkerung verbreitet, an der 2014 ein Genozid verübt wurde. Sie rührt auch daher, dass sich die SDF während der Kämpfe aus dem berüchtigten Lager al-Hol zurückziehen musste, wobei Lagerinsassen ausbrechen konnten. Dort sind Angehörige des »Islamischen Staats« und deren Familien untergebracht, die einrückenden syrischen Truppen wurden oft als »Befreier« empfangen.
Rund 23.000 Personen werden dort festgehalten, darunter Tausende Ausländer:innen und Frauen mit ihren Kindern. 7.000 inhaftierte IS-Kämpfer wolle die US-Armee in Gefängnisse im Irak verlegen, teilte das regionale US-Militärkommando Ende Januar mit. Das Flüchtlingslager al-Hol und die Region Sinjar, in der hauptsächlich Yezid:innen leben, liegen in Luftlinie nur etwa 80 Kilometer voneinander entfernt. Vor diesem Hintergrund ist die Angst vor einem Wiedererstarken des IS allgegenwärtig.

