Weitere Angriffe und Tote im Norden Syriens trotz vereinbarter Waffenruhe. Erschienen in: ND.Der Tag vom 26.01.2026
Wegen der Kämpfe im Nordosten Syriens zwischen kurdisch angeführten Milizen sowie Regierungstruppen und deren Verbündeten droht sich die humanitäre Lage dort weiter zu verschlechtern. Die Zustände in dem Gebiet seien »katastrophal«, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London mit. Die Stadt Kobane nahe der türkischen Grenze werde von Kämpfern, die mit der Regierung in Damaskus verbündet sind, seit mehr als einer Woche belagert.
Und dann kam auch noch der Schneefall hinzu, beklagt Mohammad. Als sei die Situation in der belagerten nordsyrischen Stadt nicht schon atastrophal genug, regiert nun neben der Angst auch noch die Kälte. »Unsere aktuelle Situation ist fürchterlich. Es fehlt an allem und die Menschen hier fürchten sich, getötet und massakriert zu werden«, so Mohammad im Gespräch mit »nd«.
Kobane ist eine multiethnische, aber kurdisch dominierte Stadt in Nordsyrien an der Grenze zur Türkei. Seitdem kurdische Kämpfer*innen dort 2014/15 erstmalig den sogenannten »Islamischen Staat« (IS) besiegt hatten, gehört die Stadt zur »Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien«, auch unter dem Namen Rojava bekannt. Sie wird von den kurdisch geführten »Demokratischen Kräften Syriens« (SDF) kontrolliert. Durch die umfassenden Angriffe der Truppen der Übergangsregierung und mit ihr verbündeter islamistischer Milizen auf die Gebiete der Selbstverwaltung ist Kobane nun seit einer Woche umstellt und belagert.
Nesrin Abdullah ist eine hochrangige Kommandantin der kurdischen Frauenverteidigungskräfte, die innerhalb der SDF kämpfen. Abdullah ist in Kobane stationiert und berichtet via Internetschalte: »Es gibt sehr heftige Angriffe der Islamisten. Die Frontlinie verläuft um Sarrin.« Das Dorf Sarrin ist etwas mehr als eine halbe Autostunde von Kobane entfernt. Die militärische Situation wird durch die Größe und Lage der Stadt verschärft: »Kobane ist eine kleine Stadt und wir sind zudem komplett abgeschnitten und daher verwundbar.«
In der vergangenen Woche hatten Damaskus und die SDF einen Waffenstillstand vereinbart. Beide Seiten werfen sich jedoch weiterhin Verstöße vor. Die Zentralregierung unter dem selbsternannten Präsidenten Ahmad Al-Scharaa, ein ehemaliger Al-Qaida-Kämpfer, will alle Gebiete Syriens unter Kontrolle bringen. Am Samstag wurde der Waffenstillstand um 15 Tage verlängert. Die Situation in Kobane ist jedoch weiterhin äußerst prekär.
Zehntausende Menschen sind in Kobane von einer nahezu vollständigen
Abriegelung betroffen, berichtet auch die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Ihr Direktor Rami Abdel Rahman erklärte, dass in den vergangenen Tagen zudem viele Familien aus den umliegenden Dörfern Schutz in der Stadt suchten, nachdem die Regierungstruppen weiter vorgedrungen seien. Die Versorgungslage habe sich dadurch weiter verschärft: Frische Lebensmittel seien kaum noch erhältlich, auch die Treibstoffvorräte seien fast aufgebraucht. »Wenn sich in den nächsten Tagen keine Lösung findet, droht eine weitere Zuspitzung der Situation«, warnt Mohammad aus Kobane.
Auch die Strom- und Internetverbindung ist weitgehend zusammengebrochen, was die Kommunikation deutlich erschwert. Kobane wurde bislang vom Tischrin-Staudamm mit Strom und Wasser versorgt. Seit Damaskus vor einigen Tagen die Kontrolle über den Staudamm übernommen hat, ist die Versorgung zusammengebrochen. Das syrische Energieministerium wies jedoch die Verantwortung für die Strom- und Wasserausfälle von sich und erklärte, man werde »im Rahmen der verfügbaren technischen Möglichkeiten an der Aufrechterhaltung der Versorgung arbeiten.« Geschehen ist bislang nichts.
Besonders kritisch ist die Lage im Gesundheitswesen. Bahtiyar, ein Arzt aus Kobane, beschreibt die Situation in einer Videobotschaft als chaotisch und kaum noch kontrollierbar. Auch ohne offene Gefechte im Stadtzentrum lebe die Bevölkerung in ständiger Angst, berichtet er. Der »Kurdische Rote Halbmond« beklagte zudem einen zunehmenden Mangel an Medikamenten. Fünf Kleinkinder seien seit Beginn der Belagerung vor rund einer Woche an den Folgen von Kälte und fehlender Versorgung in Kobane gestorben.
Mittlerweile schlagen auch die Vereinten Nationen Alarm. Der stellvertretende UN-Sprecher Farhan Haq sprach von einer dramatischen humanitären Lage in Kobane und bestätigte, dass sämtliche Zufahrtswege zur Stadt derzeit von den islamistischen Regierungstruppen blockiert seien. Nach Verhandlungen mit der Übergangsregierung erreichte am Sonntag Abend ein erster UN-Hilfskonvoi von 24 LKWS mit Treibstoff, Lebensmitteln und Medikamenten Kobane.
Bereits im März 2025 hatten sich die Selbstverwaltung und Damaskus prinzipiell auf die Integration der kurdisch kontrollierten Regionen und der SDF in die staatlichen Strukturen Syriens verständigt. Nach monatelangen Verhandlungen kam es aber nicht zur Umsetzung; beide Seiten beschuldigen einander der Verzögerung. Im Januar gelang es der islamistischen Übergangsregierung jedoch, die USA davon zu überzeugen, ihre Unterstützung für die Selbstverwaltung aufzugeben. Die USA und die SDF waren lange Verbündete im Kampf gegen den IS.
Trumps Sondergesandter für Syrien, Tom Barrack, machte unlängst in einer kurzen Stellungnahme den Verrat an den Kurd*innen ganz offiziell: Der ursprüngliche Zweck der SDF, als primäre Anti-IS-Truppe vor Ort zu fungieren, habe ausgedient, teilte er auf X mit. Nach diesem »grünen Licht« konnten die islamistischen Truppen gegen die Selbstverwaltung vorgehen.
Außer Kobane halten die SDF nur noch wenige Gebiete ganz im Nordosten des Landes. Dort leben vor allem Kurd*innen, die sich nun vor Massakern der islamistischen Truppen fürchten. Daher appellierte Nesrin Abdullah direkt von der Front an die internationale Gemeinschaft, den islamistischen Vormarsch zu stoppen. »Syrien ist gestorben«, sagte Abdullah: »Was wir erleben, ist ein moderner IS.«

