Rojava: Betretenes Schweigen in der deutschen Linken

Für Christopher Wimmer zeigt die deutsche Linke nicht genug Solidarität mit der kurdischen Selbstverwaltung. Erschienen in: ND.Der Tag vom 22.01.2026

Der Internationalismus steht hierzulande nicht hoch im Kurs. Dies wird deutlich, blickt man auf die Situation der kurdischen Bevölkerung in Syrien sowie anderer ethnischer Minderheiten im Land, die gegenwärtig von der neuen islamistischen »Übergangsregierung« unter dem ehemaligen Al-Qaida-Kämpfer Ahmed Al-Sharaa unterdrückt und massakriert werden.

Nachdem es im vergangenen Jahr bereits zu Massakern an der drusischen und alawitischen Bevölkerung in Syrien gekommen war, werden nun die kurdischen Gebiete angegriffen. Es gibt Berichte über Folterungen, Vertreibungen und Hinrichtungen, die an den »Islamischen Staat« (IS) erinnern.

Dort, in Nord- und Ostsyrien, findet aktuell eine politische und historische Zäsur statt: Die Angriffe der syrischen Armee und mit ihr verbündeter islamistischer Milizen könnten das Ende der Autonomieregion Rojava und damit gemachter politischer Erfahrungen demokratisch-feministischer Selbstverwaltung bedeuten. Währenddessen herrscht hierzulande vielfach betretenes Schweigen. Nachdem in den vergangenen Monaten die Bilder des Massensterbens in Gaza regelmäßig (zu Recht) Zehntausende Menschen in Deutschland auf die Straßen getrieben haben, Universitäten besetzt oder künstlerische Protestformen geprobt sowie Social-Media-Kampagnen durchgeführt wurden, scheint die gesellschaftliche Linke nun von ihrem Recht auf Empörung nichts mehr wissen zu wollen.

Lediglich die parlamentarische Linke hat schnell und vergleichsweise klar reagiert. So haben sich die Linkspartei-Vorsitzenden Jan van Aken und Ines Schwerdtner, die außenpolitische Sprecherin Cansu Özdemir, aber auch Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow und weitere Parteigliederungen deutlich positioniert, zur Solidarität mit Rojava aufgerufen und sich an Demonstrationen beteiligt.

Anders hingegen sieht es bei den kommunistischen Parteien und Grüppchen aus. Dort wo sonst gerne »Solidarität mit Kuba«, »Hände weg von Venezuela« oder »Free Palestine« beschworen wird, wird nun häufig sogar gegen Rojava nachgetreten. Kritisiert wird, dass die kurdische Selbstverwaltung im Kampf gegen den IS mit den USA zusammengearbeitet habe. Hier schlägt die Kritik an einem abstrakten Imperialismus die konkrete Solidarität mit einem real existierenden emanzipatorischen Projekt. Zwar finden sich vereinzelte Solidaritätsbekunden und Berichterstattungen, die sonst auf Demonstrationen allgegenwärtigen kommunistischen Partei-Fahnen fehlen bislang allerdings weitgehend.

Aber auch Nichtregierungsorganisationen reagieren mit Schweigen. Amnesty International, gerade im Nahost-Konflikt schnell zur Stelle, wenn Menschenrechte auf dem Spiel stehen, hat sich bislang nicht zur aktuellen Notlage in Rojava geäußert. Das mag an internen Abstimmungsprozessen liegen und muss nicht mit Ignoranz gegenüber Kurd*innen begründet sein. Es fällt jedoch auf, dass man auch auf den Seiten weiterer Menschenrechts- und Hilfsorganisationen vergeblich nach Verlautbarungen sucht, die das Vorgehen der islamistischen »Übergangsregierung« kritisieren oder sich für die Belange der ethnischen Minderheiten in Syrien aussprechen. Das Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen» Welthungerhilfe oder Misereor? Bislang Fehlanzeige! Eine Ausnahme bildet Medico International, das bereits seit Jahren Projekte in Rojava durchführt. Dort ist man weiterhin aktiv und unterstützt die Region aktuell konkret durch Nothilfe.

Schließlich und besonders augenfällig ist die weitverbreitete Ignoranz auf den Straßen. Zwar gab und gibt es hierzulande zahlreiche und regelmäßige Proteste in Solidarität mit Rojava. In Berlin, Hannover, Freiburg, Stuttgart oder in anderen Orten fanden in den vergangenen Tagen Demonstrationen und Kundgebungen statt. Doch zeigen sie eine Gemeinsamkeit: Die kurdische Diaspora ist, bis auf wenige Ausnahmen, mit ihren Solidaritätskundgebungen allein. Wo sind die massenhaften Proteste wie etwa bei Gaza, wo vermeintlich auch gegen Unterdrückung, Kolonialismus und für die Freiheit demonstriert wurde?

Nun, wo das basisdemokratische, feministische und multiethnische Projekt Rojava unmittelbar in seiner Existenz bedroht wird, ist die außerparlamentarische Linke vielfach abwesend oder auf wenige Gruppen reduziert. Der sich gerade abzeichnenden größten politischen Niederlage im bisherigen 21. Jahrhundert steht sie tatenlos gegenüber.

Es gibt ein altes kurdisches Sprichwort, das besagt, die Kurden hätten «keinen Freund außer den Bergen». Es verweist auf die Einsamkeit und den wiederholten Verrat, den Kurdinnen und Kurden als (staatenlose) Minderheit in den zurückliegenden Jahrhunderten immer wieder ausgesetzt waren und sind. Die deutsche Linke tut gerade relativ viel dafür, dass sich das Sprichwort weiter bewahrheitet.