Syriens islamistische Regierung will die kurdische Selbstverwaltung zerschlagen. Dafür hat sie jetzt auch die Rückendeckung der USA. Erschienen in: ND.Die Woche vom 22.01.2026
Die syrische »Übergangsregierung« unter Ahmed al-Scharaa, der einst für das Terrornetzwerk Al-Qaida kämpfte, will die demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (»Rojava«) endgültig zerschlagen. In den letzten Tagen haben al-Scharaas Truppen alle Regionen westlich des Euphrats übernommen. Tabqa, Raqqa und Deir ez-Zor sowie wichtige Erdöl- und Erdgasfelder stehen nun unter Kontrolle der islamistischen Regierung. Außerdem haben die syrische Armee und mit ihr verbündete islamistische Milizen die Stadt Kobane umzingelt. Die Situation dort ist besonders prekär. Es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom und kein Internet mehr.
Für die syrischen Islamisten und die sie unterstützende Türkei geht es um die Zentralisierung der Staatsmacht. In einem Telefonat mit US-Präsident Donald Trump in der Nacht zum Montag betonte al-Scharaa die Notwendigkeit der »Einheit und Unabhängigkeit des syrischen Staatsgebiets«.
Dem Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger zufolge wäre ein weiter eskalierender Krieg, wie er jetzt droht, »wesentlich stärker ethnisiert als der erste syrische Krieg«. In den Kämpfen um die kurdischen Stadtteile von Aleppo habe die »Übergangsregierung« ausgetestet, ob es zu ernsthaftem militärischem Widerstand kommt, so Schmidinger im Gespräch mit dem »nd«.
Am Dienstag stimmten die kurdischen SDF einer Waffenruhe zu, um »sinnloses Blutvergießen« zu verhindern. Seitdem rücken al-Scharaas Truppen, wenn auch langsam, weiter in die Gebiete mit kurdischer Mehrheit vor. Es gibt Scharmützel sowie Drohnenangriffe der türkischen Luftwaffe. Der SDF-Oberbefehlshaber Mazlum Abdi bekräftigte, sich an den Waffenstillstand gebunden zu fühlen, erklärte gleichzeitig jedoch auch: »Der Schutz der kurdischen Gebiete ist eine rote Linie. Wir werden sie, ohne zu zögern, verteidigen.« Diesem Aufruf folgend findet in den kurdischen Gebieten Syriens gerade eine Generalmobilisierung statt, an der sich große Teile der Zivilbevölkerung beteiligen. Einige Tausend Kurd*innen aus der Türkei und dem Nordirak haben sich an die syrische Grenze begeben, um Rojava zu verteidigen. Ob die militärisch meist unerfahrenen Zivilist*innen das Kriegsgeschehen wenden können, ist aber äußerst zweifelhaft.
Schon vor einigen Tagen hat die SDF einen von Damaskus vorgelegten 14-Punkte-Plan unterschrieben, der den SDF-Abzug, die Übernahme der Energieressourcen und die Kontrolle über alle Grenzübergänge durch Damaskus vorsieht. Zudem sollen SDF-Angehörige individuell in die syrische Armee eingegliedert werden. Im Wesentlichen soll ein »Gouverneur der Provinz Hasakah« die politische Teilhabe und lokale Vertretung der Kurd*innen garantieren. Dafür war bislang inoffiziell Mazlum Abdi vorgesehen. Zugleich verkündete al-Scharaa in einem taktischen Manöver ein Dekret, das die kulturelle Identität der kurdischen Bevölkerung als »festen Bestandteil« Syriens anerkennen soll.
Die bislang von den islamistischen Truppen übernommenen Gebiete sind mehrheitlich arabisch. Die SDF hatten mit US-Unterstützung den sogenannten Islamischen Staat (IS) 2019 militärisch besiegt und eine lokale Selbstverwaltung aufgebaut. Auf Videos ist nun jedoch zu sehen, wie Islamisten etwa in Tabqa oder Deir ez-Zor als Befreier begrüßt wurden. In Raqqa wurde erneut die IS-Fahne gehisst. In diesen Gebieten war es der Selbstverwaltung offenbar nicht ausreichend gelungen, die Bevölkerung an sich zu binden. Tatsächlich rebellierten von sunnitisch-arabischen Stämmen gestellte SDF-Verbände oder schlossen sich den Islamisten an. Bereits 2023 hatte es in der Region Deir ez-Zor Scharmützel zwischen arabischen Stämmen und der SDF gegeben. Eine Rolle spielte dabei wohl auch die Türkei, die die arabisch-kurdischen Konflikte stets anheizte.
Inzwischen häufen sich Berichte über Kriegsverbrechen. Ein Video soll zeigen, wie in Raqqa eine Mitarbeiterin eines Gefängnisses für ehemalige IS-Mitglieder sowie eine Kämpferin der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ im Stil des Islamischen Staates enthauptet werden. Zudem gibt es Aufnahmen von Demütigungen, vor allem von Frauen. Im al-Aqtan-Gefängnis in Raqqa droht ein Massenausbruch von IS-Gefangenen. »In Tabqa, Raqqa und Deir ez-Zor wurden von den Milizen der Übergangsregierung bereits IS-Gefangene befreit. Dies stellt eine enorme Gefahr für die Stabilität in Syrien und der Region dar«, warnte Khaled Davrisch, der Vertreter der Selbstverwaltung in Deutschland.
Aus dem berüchtigten Lager al-Holm, in dem Familien von dschihadistischen Kämpfern untergebracht sind, mussten sich die SDF bereits zurückziehen. Rund 23 000 Menschen werden dort festgehalten, darunter tausende ausländische Frauen mit ihren Kindern. Die Sorge vor einem Wiedererstarken des IS ist vor diesem Hintergrund allgegenwärtig.
Humanitär ist die Situation bereits jetzt katastrophal: Helfer*innen berichten von akutem Mangel an Nahrung, Unterkünften und medizinischer Versorgung. Alle Schulen und Universitäten sind geschlossen, um Platz für Geflüchtete zu machen, erklärt Jihan Eyo, die in Qamishlo lehrt: »An Unterricht ist nicht zu denken. In der Universität sind rund 100 Studierende untergebracht, die aus Kobane und Afrin vertrieben wurden. Ihre Situation ist miserabel.«
Politisch markieren die letzten Tage einen Wendepunkt: Prozesse zur Integration der SDF, die im März 2025 begonnen wurden, führten nun zu einem militärisch durchgesetzten Abkommen. Entscheidend verantwortlich dafür ist der Umstand, dass die USA die Selbstverwaltung fallengelassen haben. Am Dienstag gab der US-Sonderbeauftragte für Syrien, Thomas Barrack, den Verrat an den SDF offiziell bekannt: »Der ursprüngliche Zweck der SDF als wichtigste Anti-IS-Truppe vor Ort ist weitgehend hinfällig geworden, da Damaskus nun sowohl bereit als auch in der Lage ist, die Sicherheitsaufgaben zu übernehmen«, erklärte er in einem Beitrag auf der Plattform X.
Offenkundig ist der Westen um ein gutes Verhältnis mit dem neuen syrischen Machthaber bemüht. Während al-Scharaa Aleppo belagern ließ, besuchte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Syrien und stellte Damaskus fürs kommende Jahr 620 Millionen Euro in Aussicht. Die Bundesregierung hat Syriens Machthaber bereits nach Berlin eingeladen.
Die Autonomie Rojavas, die 2012 entstand, ist in dieser Form wohl Geschichte. Wie viele Rechte die kurdische Bevölkerung in einem islamistisch-autoritären Syrien behaupten wird können, wird auch vom internationalen Druck auf Damaskus und Ankara abhängen. Momentan hingegen läuft alles auf einen Massenmord der islamistischen Milizen an den Menschen in Rojava hinaus.

