Mit Karl Marx durch Karlovy Vary

Auf den Spuren des bärtigen Weltdeuters, der dreimal den böhmischen Kurort besuchte. Erschienen in: ND.Die Woche vom 09.01.2026

Karlovy Vary, das ehemalige Karlsbad, im Winter ist zauberhaft. Die Hügel und Wälder rund um den tschechischen Kurort, leicht vom Schnee bedeckt, laden zu Wanderungen ein. In der Innenstadt, am Ufer der Teplá, finden sich geballt die 15 zugänglichen Quellen, aus denen heißes Mineralwasser sprudelt.

Tourist*innen flanieren im malerischen Stadtzentrum zwischen den Kolonnaden und Altbauten im Stil der Neorenaissance und des Neobarocks. Viele von ihnen haben kleine Porzellanbecher in der Hand, aus denen sie das »Karlsbader Wunderwasser« trinken. Die Trinkkur folgt einem festen Plan: wenige Schlücke aus einer Schnabeltasse vor dem Essen, eine Pause von fünf bis zehn Minuten, dann ein kleiner Spaziergang – und wieder von vorne. Das Mineralwasser soll bei Erkrankungen des Verdauungssystems, des Bewegungsapparates sowie bei Stoffwechselstörungen und bei Parodontose helfen.

Seit dem 14. Jahrhundert werden die Thermalquellen des Ortes geschätzt, auch wenn es keine medizinischen Beweise für ihre Heilkraft gibt. Trotzdem hat sich im Ort eine lange touristische Tradition entwickelt und auch viele Prominente hat es in das legendäre Kurbad im Westen Tschechiens verschlagen: Peter der Große war hier, die russischen Literaten Gogol, Tolstoi und Dostojewski, dann Schiller, Goethe und Beethoven. Vor genau 150 Jahren gesellte sich ein weiterer bekannter Kopf in diese illustre Runde: in den Jahren 1874, 1875 und 1876 verweilte niemand anders als Karl Marx im damaligen Carlsbad. Aus seinen Briefen, Zeitungsartikeln, aber auch Polizeiberichten über Marx wissen wir über seine Aufenthalte relativ genau Bescheid.

Charles Marx, Privatier

Marx litt an einer Rippenfell- und Lungenentzündung, an Karbunkeln und an Ischias. Daher suchte er im Sommer 1874 auf Anraten seines Arztes Dr. Eduard Gumpert erstmals die Heilquellen von Karlsbad auf – und versuchte, seinen Besuch so unauffällig wie möglich zu gestalten. Unter der Nummer 238 der »Carlsbader Kurliste« aus diesem Jahr wurde ein »Charles Marx, Privatier aus London« eingetragen. Die Tarnung kostete Marx einiges. Als Privatier musste man damals die doppelte Kurtaxe zahlen – eine Auflage, die Marx angesichts langjähriger Geldsorgen besonders hart traf. Am Ende half ihm dabei, wie so oft, sein finanzstarker Freund und Weggefährte Friedrich Engels aus.

Marx traf am 22. August 1874 erstmals in Begleitung seiner Tochter Eleanor in Karlsbad ein und nahm Quartier im kleinen Hotel »Germania«, direkt am Schlossberg. Vom Schloss, das dem Berg seinen Namen gibt, waren bereits zu Marx’ Zeiten nur noch Reste erhalten; errichtet hatte es ein anderer Karl: Karl IV., König von Böhmen und späterer deutscher Kaiser, der die heilende Kraft der Quellen erkannt hatte und die Stadt bauen ließ.

Vom Hotel aus eröffnet sich ein weitschweifender Blick über die Stadt und die umliegenden Berge; hinter dem Haus steigt der Hirschensprung an, der Hausberg von Karlovy Vary, und im dortigen Hotelgarten verbrachte Marx seine Nachmittage: Er las, schrieb und erledigte seine Korrespondenz. Dabei ging es vor allem um den Zustand der damaligen deutschen Sozialdemokratie, die sich gerade ihr »Gothaer Programm« geben wollte, das Marx scharf kritisierte.

Das charmante kleine Hotel »Germania« steht noch immer, doch hat es in anderthalb Jahrhunderten radikale Umbauten erlebt und führt nun den prunkvollen Namen »Luxury Spa Hotel Olympic Palace«. In 58 Zimmern auf fünf Etagen können Gäste hier nun luxuriös nächtigen, saunieren und speisen. Vom Garten, in dem Marx saß und las, ist nur noch wenig übrig, dort befindet sich nun das Hotelrestaurant mit 120 Plätzen. An Marx erinnert weiterhin eine Plakette neben dem Hoteleingang. Dort wartet bereits Jitka Štolfová.

»Ich bin wenigstens 12 Stunden im Freien.« Karl Marx Dialektiker

Die freundliche und offene Frau arbeitet als Rezeptionsleiterin des Hotels und berichtet von dessen Geschichte und den aktuellen Herausforderungen. Gegenwärtig würden Besucher*innen vor allem »die Balance aus traditionellen Kur- und Spa-Behandlungen und moderner Wellness sowie hochwertiger Gastronomie und Outdoor-Erlebnissen« suchen, erklärt sie im Gespräch mit »nd«.

Jitka Štolfová führt in den ersten Stock des Hotels, linke Seite. Dort findet sich die Suite, die Marx bei seinem ersten Aufenthalt bewohnte – der Stil des großzügigen Raumes ist seit dieser Zeit unverändert gelassen, erklärt sie. Zwar spiele Marx in der Vermarktung keine große Rolle, doch würden Stadtführungen immer wieder vor dem Hotel Halt machen und auf den berühmten Gast aufmerksam machen, erzählt sie mit ein wenig Stolz in der Stimme.

Sieben Gläser am Morgen

Wie erlebte Marx selbst seinen Aufenthalt? In einem Brief an Engels, datiert auf den 1. September 1874, beschrieb er seinen Kur-Rhythmus genau. Er stehe um sechs Uhr auf, nehme »sieben Gläser« des heilenden Quellwassers: »zwischen zwei Gläsern immer fünfzehn Minuten, in denen man auf und ab marschiert; nach dem letzten Glase ein Walk von einer Stunde, endlich Kaffee. Abends vor dem Schlafengehen noch ein kaltes Glas.«

Über die Landschaft der Kurstadt, durch die er ausgedehnte Spaziergänge unternahm, notierte er: »Die Umgegend hier ist sehr schön, und man kann das Laufen durch und über die waldigen Granitberge nicht satt werden.« Doch seine Tarnung als »Charles« löste sich bereits während des Aufenthalts auf; die Presse machte ihn als prominenten Gast aus. In einem weiteren Brief vom 18. September schreibt Marx an Engels, dass es ihm deutlich besser gehe. Er reiste daraufhin zurück nach London.

Die Russen fehlen heute

Gegenwärtig steht Karlovy Vary vor großen Herausforderungen und Veränderungen. »In den letzten Jahren, insbesondere seit Beginn des Krieges in der Ukraine, ist ein deutlicher Rückgang der Besucherzahlen aus Russland zu verzeichnen«, berichtet Michaela Hroncová vom Tourismusbüro der Stadt. Die Statistiken belegen dies: Gingen 2019 noch über 500 000 Übernachtungen auf russische Gäste, waren es 2024 gerade einmal knapp 15 000. Zwar steigen die Zahlen aus Deutschland und Österreich, doch bleiben diese meist nur für ein paar Tage, während die russischen Gäste oft mehrere Wochen blieben.

In der Fußgängerzone Stará Louka finden sich nur noch wenige Speisekarten oder Werbetafeln auf Kyrillisch. Die Boutiquen, die weiterhin Pelze, Schmuck oder Designer-Accessoires anbieten, werden von den deutschen Senior*innen, die nun die größte Touristengruppe bilden, eher gemieden – sie findet man eher an den Becherovka-Buden: Der böhmische Magenlikör wurde 1807 in Karlovy Vary entwickelt und wird dort weiterhin hergestellt.

Wenig Kontakt zu Kurgästen

Ob Marx je Becherovka trank, ist nicht belegt. Doch reiste er 1875 erneut nach Karlsbad und verbrachte von Mitte August bis zum 11. September 1875 mehrere Wochen in der Stadt. Diesmal verzichtete er auf sein Pseudonym und zahlte nur die reguläre Kurtaxe.

Schnell erregte sein Aufenthalt daher die Aufmerksamkeit der staatlichen Behörden, die Angst vor sozialistischer Agitation bekamen. Jedoch konstatierte ein Bericht des zuständigen Bezirksbeamten Veith an die Polizei in Prag vom 1. September 1875, dass sich Marx ruhig verhalte, wenig Kontakt zu anderen Kurgästen habe und häufig ausgedehnte Spaziergänge unternehme.

Marx bestätigte dies in einem Brief: »Ich bin wenigstens 12 Stunden im Freien, und mein Hauptvergnügen besteht darin, neue Spaziergänge, Punkte, Aussichten in den Bergwaldungen zu entdecken.« Sein Arzt habe ihn dazu verdonnert, auf Alkohol vollständig zu verzichten, schreibt Marx. Im damals berühmten Bierlokal »Hopfenstock« habe er statt des berühmten Bieres lediglich Mineralwasser trinken dürfen. Es scheint ihm nicht geschadet zu haben. Nach der Rückkehr von seiner zweiten Kur notierte Engels: »Marx ist von Karlsbad ganz verändert zurückgekommen, kräftig, frisch, munter und gesund, und kann sich nun bald wieder ernstlich an die Arbeit machen.«

Das eine oder andere Glas Bier

Ein letztes Mal kam Marx, nun wieder mit seiner Tochter, 1876 nach Karlsbad und ließ es dieses Mal lockerer angehen. Eleanor berichtete begeistert, wie sehr ihr Vater den Aufenthalt genoss: sowohl die »schöne Landschaft« als nun auch das eine oder andere Glas »böhmischen Biers«. Marx selbst schrieb an Engels: »Auf mich wirkt Karlsbad wie immer wundervoll.«

Bis heute hat sich die Stadt viel ihres Charmes behalten können. Während des Staatssozialismus wurden das große, brutalistische Hotel »Thermal« sowie 1975 ein mächtiger Glas- und Stahlbetonbau im funktionalistischen Stil über die »Sprudelkolonnade« erbaut – dort drückt ein Geysir durchschnittlich 2000 Liter Mineralwasser pro Minute aus, das er unter hohem Druck bis in eine Höhe von zwölf Metern ausstößt. Doch fügen sich diese Gebäude erstaunlich gut in das fein herausgeputzte Zentrum und Gesamtensemble der Stadt ein.

Ebenso verhält es sich mit Marx selbst. Im noblen Westend, wo die schönsten Villen der Stadt stehen und die goldenen Kuppeln der russisch-orthodoxen Peter-und-Paul-Kirche in den Himmel ragen – nur wenige Gehminuten entfernt vom ehemaligen Hotel »Germania« –, steht weiterhin die 1988 vom Karlsbader Bildhauer Karel Kuneš errichtete monumentale Bronzestatue von Karl Marx. Bei der überlebensgroßen, sitzenden Figur handelt es sich um eines von zwei verbliebenen Marx-Denkmälern in Tschechien. Er sieht zufrieden aus.

Tipps

  • Anreise: Karlovy Vary liegt rund 170 Kilo­meter von Dresden und 350 Kilo­meter von Berlin entfernt und ist gut per Bahn zu erreichen.
  • Unterkunft: Es gibt über 150 Hotels und Pensionen in allen Preisklassen. Die meisten befinden sich im Zentrum am Ufer der Teplá. Im »Luxury Spa Hotel Olympic Palace« kostet eine Nacht im Standard-Doppelzimmerab ca. 140–170 € (www.olympic-palace.cz/en).
    Ab rund 100 € kann man etwa sehr gut im »Hotel Promenada« übernachten (www.hotel-promenada.cz/en).
  • Auskunft: Touristisches Informations­büro Karlsbad: karlovyvary.cz/de

Foto von: Von Franzfoto – Eigenes Werk, CC B