Rezension: Nicht nur in Paris

Rezension von Gerd Bedszent in: Junge Welt vom 15.03.2021

In seinem »Bürgerkrieg in Frankreich« schrieb Karl Marx, die Pariser Kommune des Jahres 1871 werde »ewig gefeiert (…) als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft«. Tatsächlich hatte die Pariser Arbeiterklasse es damals – wenn auch nur im engen Zeitfenster einer Nachkriegskrise – vermocht, sich der Staatsgewalt zu bemächtigen und eine Reihe von sozialstaatlichen Maßnahmen durchzusetzen. Der bürgerlichen Gesellschaft versetzte diese Machtübernahme seinerzeit einen schweren Schock. Nur so sind die blutigen Metzeleien zu erklären, die die Regierungstruppen dann unter den besiegten Arbeiterinnen und Arbeitern anrichteten.

Dass die Pariser Arbeiterklasse in dieser Nachkriegskrise keinesfalls allein agierte und es in mehreren anderen französischen Städten zu kleineren Aufständen, Unruhen und mitunter zur Ausrufung revolutionärer Selbstverwaltungen kam, ist an sich bekannt und wurde etwa auch von Marx seinerzeit kurz beachtet. Aber von der Geschichtsschreibung – auch von der linken – wurden diese Erhebungen dennoch meist stiefmütterlich behandelt. Vom Grundsatz her ist deshalb zu begrüßen, dass der Verlag Assoziation A einen Band von Detlef Hartmann und Christopher Wimmer herausgebracht hat, der sich mit diesen Kämpfen, Debatten und kurzlebigen politischen Gebilden befasst.

Die Autoren holen weit aus und beginnen mit einer Analyse der französischen Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wie sie zutreffend schreiben, verarmten damals große Teile der Bauernschaft sowie des Kleinbürgertums und wurden proletarisiert. Die Folge war eine ganze Welle von Aufständen und Protestbewegungen, die sich »gegen die Logik der kapitalistischen Inwertsetzung, der Waren und Kapitalakkumulation und des Profitstrebens« richtete und deren letzten großen Höhepunkt die Pariser Kommune darstellte.

In der ausführlich besprochenen Regierungszeit Napoleons III. – historisch Interessierten vor allem wegen seiner außenpolitischen Abenteuer bekannt – wurde in Frankreich eine halbwegs funktionierende nationalstaatliche Infrastruktur aus dem Boden gestampft. Die Autoren nennen die Errichtung eines geschlossenen Eisenbahnnetzes als entscheidenden Schritt für die Herausbildung des nationalstaatlichen Binnenmarktes. Dieser zerstörte allerdings viele ältere, in sich geschlossene lokale oder regionale Ökonomien. Und er ersetzte überkommene Formen lokaler Selbstverwaltung durch ein zentral gesteuertes bürokratisches Monstrum, eine – wie Marx schrieb – »ungeheure Regierungsmaschine (…) mit dem allgegenwärtigen Netz einer stehenden Armee, einer hierarchischen Bürokratie, einer willfährigen Polizei, der Geistlichkeit und eines servilen Richterstands«.

Der Bonapartismus als Herrschaftsform gründete sich bekanntlich auf das Versprechen eines Kräfteausgleichs zwischen den armen und besitzenden Bevölkerungsschichten. Die von der kaiserlichen Regierung umgesetzten »sozialstaatlichen« Regularien waren allerdings flankiert von heftigster politischer Repression – allerspätestens in den Augenblicken, in denen die Armutsbevölkerung versuchte, eigene Forderungen zu artikulieren. In der Phase des Niederganges des Bonapartismus setzte zwar schrittweise eine Liberalisierung des Regimes ein. Bei Streiks setzte die Regierung aber auch in dieser Zeit ohne Zögern das Militär ein.

Aus dem Zusammenbruch des bonapartistischen Regimes resultierte so fast »zwangsläufig« eine ganze Kette von Aufständen und Unruhen in verschiedenen französischen Städten. Diese richteten sich gegen die kapitalistischen Zumutungen dieser Zeit, aber auch gegen das die Steuergelder verschlingende Monstrum der Staatsbürokratie. Die Erhebungen wurden dann relativ schnell und, wie die Autoren schreiben, »brutal und umfassend« niedergeschlagen.

Leider werden die durchaus verschiedenen Hintergründe der Aufstände und deren Träger, nämlich einerseits die Arbeiter und die städtische Armut und andererseits das republikanisch gesinnte Kleinbürgertum, von den Autoren des Bandes immer wieder durcheinandergewürfelt oder erst gar nicht unterschieden. Unkommentiert und ohne Relativierung werden an einigen Stellen des Buches Einschätzungen des Anarchisten Michail Bakunin, der in die Ereignisse in Lyon direkt involviert war, wiedergegeben, so als seien dessen Urteile ein verbindlicher politischer oder wissenschaftlicher Standard.

Allerdings geht aus den Ausführungen der Autoren hervor, dass die Zielsetzungen der detailliert geschilderten Aufstandsbewegungen – wenn sie überhaupt artikuliert werden konnten – äußerst heterogen waren. Auch vermittelt der Band Wissen zu Ereignissen und Zusammenhängen, die ansonsten gar nicht oder nur wenig beachtet werden. Lohnen tut sich die Lektüre des Buches daher in jedem Fall.