Ernährerdämmerung

»Genderismus« als Sündenbock sozialen Wandels.
Erschienen in Neues Deutschland vom 15./16.12.2018

Harald Martenstein, Victor Orbán und Beatrix von Storch haben etwas gemeinsam: lustige Frisuren! Außerdem geben sie sich als »Antigenderisten«. Unter diesem Label bündeln sich unterschiedliche Akteur*innen wie sogenannte Männerrechtler*innen, fundamentalistische Christ*innen sowie Teile politischer Parteien wie der AfD und der Union. Ihr Credo: Der Feminismus zerstört die Familie – verstanden als Vater-Mutter-Kind. In einer Zeit rasanten Wandels von Lohnarbeit und Sozialpolitik schieben sie daraus entstehende Verunsicherungen dem »Genderwahn« in die Schuhe. Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik werden also für Veränderungen verantwortlich gemacht, die soziologisch »Prekarisierungsprozesse« heißen.

Was aber heißt eigentlich »Prekarität«, jener schillernde Schlüsselbegriff der jüngeren Sozialforschung? Eng gefasst werden darunter wachsende Unsicherheiten in der Lohnarbeit verstanden, insbesondere der Rückgang des Normalarbeitsverhältnisses – durch Flexibilisierung, durch die Ausweitung sogenannter atypischer Beschäftigung, durch Befristung oder Leiharbeit sowie scheinselbstständiges Jobben. Persönlich geht das häufig mit Sinnverlusten, mit Planungsunsicherheit und Anerkennungsdefiziten einher, weil sich Beschäftigte so weniger soziale Teilhabe leisten und zugleich oft weniger frei über ihre Zeit verfügen können.

»Unvorhergesehene Ausgaben, Urlaub und Auszeiten, aber auch Familiengründungen« sind in diesem gesellschaftlichen Bereich oft problematischer geworden als zu früheren Zeiten, fasst die Soziologin Mona Motakef von der Humboldt-Universität zu Berlin zusammen: »Viele sind darüber frustriert und manche werden auch krank, weil sich ihre Arbeitsbedingungen so stark verschlechtert haben.«

Diese zunehmende lebensweltliche Verunsicherung wird nun schwerpunktmäßig von Männern als Bedrohung empfunden, die in den industrialisierten westlichen Nachkriegsgesellschaften vergleichsweise sichere Arbeitsstellen hatten. Die konservative bis rechtsradikale Kulturkritik erkennt also Zeichen der Zeit, wenn sie etwa Verschiebungen im gesellschaftlichen Gefüge beobachtet. Indem sie diese jedoch als Bedrohung traditionellen Familienlebens skandalisiert, stellt sie – in einem geradezu fantastischen Kurzschluss – einen Zusammenhang mit dem »Genderwahn«, also mit egalitärer Geschlechterpolitik und Geschlechterforschung her.

Dabei setzt man sich gerade dort mit solchen Phänomenen auseinander, etwa im Berliner Forschungsprojekt »Ungleiche Anerkennung? ›Arbeit‹ und ›Liebe‹ im Lebenszusammenhang prekär Beschäftigter«, das unter der Leitung von Christine Wimbauer jüngst seinen Abschluss fand. Die Geschlechterforscher*innen vom Soziologieinstitut der Berliner HU stellten sich von 2014 bis 2017 in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Vorhaben die Frage, wie sich Prekarität in der Lohnarbeit systematisch auch auf Freundschafts-, Familien- und Paarbeziehungen auswirkt. Aufgrund von Paar- und Einzelinterviews entstanden zahlreiche Publikationen, die den soziologischen Prekarisierungsbegriff erweitern.

Prekarität, so die Forscher*innen im Gespräch, ist mehr als der Verlust von – nach einstiger Lage typischerweise – männlichen Sicherungen beim Broterwerb. Unsicher wird neben der »männlichen Normalarbeit« auch die »heterosexuelle Normalfamilie«. Durch die noch immer schlechte Qualität der Betreuungsangebote für Kinder und Alte tritt Sorgearbeit als Unsicherheitsfaktor hinzu: »Wie man seine prekäre Beschäftigung erlebt und bewältigt, hängt immer von den Lebensumständen ab«, sagt Wimbauer. »Es ist ja ein Unterschied, ob man wenig verdient, nur befristet beschäftigt ist oder ob man auch im Schichtdienst arbeitet, ob man alleine lebt, ob man kleine Kinder hat oder seine Eltern pflegt.« Nicht allein die Erwerbssituation führe zu jener Verunsicherung; diese ergebe sich aus dem ganzen »Lebenszusammenhang«. Traditionell lag dem Geschlechterarrangement das Modell des männlichen Familienernährers zugrunde. Das wird nun brüchig: »Das männliche Familienernährermodell erodiert nicht nur, weil es vom Feminismus attackiert wurde, sondern weil es für den Sozialstaat schlicht als zu teuer angesehen wurde«, schreiben Mona Motakef, Julia Teschlade und Christine Wimbauer in einem Aufsatz in der Zeitschrift »Soziale Welt«. Zwar gelangen immer mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt, überdurchschnittlich häufig sind aber gerade diese von atypischen Beschäftigungsformen wie etwa Teilzeit betroffen. Es ist also nicht so, dass diese Frauen den Männern die sicheren Jobs wegnähmen – durchaus aber gehen mit der wachsenden weiblichen Erwerbsquote diskursive Veränderungen einher. War bis in die 1970er Jahre Erwerbsarbeit die Grundlage männlicher Selbstbilder, wird der »Familienvater« nun zunehmend anachronistisch.

Aus Gleichstellungsperspektive ist die so verstandene Prekarisierung doppelgesichtig. Einerseits bedeutet die Erosion des Ernährermodells nicht nur Selbstbestimmung für Frauen, sondern es kann auch für Männer entlastend sein, nicht mehr zwangsläufig auf die Rolle des – heterosexuellen – heroischen Haupt- oder Alleinverdieners festgelegt zu werden. Zugleich steht aber diese Verschiebung der Rollenmodelle in einer Gegenwart, in der neoliberale Politiken neue Dimensionen von Ungleichheit und Umverteilung durchsetzen. Es gibt also, wie die Soziologin Teschlade sagt, »auf der einen Seite Dynamiken der Entsicherung und Verunsicherung und auf der anderen Seite Tendenzen der wachsenden Gleichstellung«.

Dieser Umstand lässt sich nun verschieden deuten und politisieren. Ein »progressiver Neoliberalismus« wird das Mehr an Gleichheit begrüßen, die Entsicherung hingegen ignorieren oder gar als Chance verkaufen. Ein emanzipatorischer Feminismus wird das reformierte Geschlechterbild durch Sicherheit für alle abstützen wollen. Die Kulturkritik von rechts hingegen begeht einen Fehler, den die Soziologie im ersten Semester durchnimmt: Sie verwechselt Korrelation mit Kausalität, das heißt Wechselbeziehung mit einem Verhältnis der Ursächlichkeit.